Von unserem Londoner Korrespondenten

Wie sieht die "Krise" in den USA eigentlich aus? Mit der Ziffer von fast vier Millionen Arbeitslosen Ende Juni ist doch herzlich wenig anzufangen. Wir sind zu leicht vom Millionenschreck befallen, Vier Millionen Arbeitslosen stehen in den USA rund 60 Millionen Beschäftigte gegenüber; in Prozenten gerechnet, liegt die Arbeitslosigkeit also etwas über 6 v. H. In England hat kürzlich der "Economist" in einer Untersuchung des Teuerungsfaktors der Vollbeschäftigung einmal offen von der "Gesundungswirkung" gesprochen, die eine vorübergehende "Umschichtungs-Arbeitslosigkeit" von etwa 7 v. H. ausüben könnte (und müßte), wenn andere Kuren versagen oder aus politischen Gründen nicht angewandt werden können.

Man darf nicht vergessen, daß es sich in den USA um eine über mehrere Jahre "aufgestaute" Arbeitslosigkeit handelt: vor allem in den Nachkriegsjahren der Voll- und Überbeschäftigung sind Lagerbestände geschaffen worden, die einmal abgestoßen werden müssen. Solange der Absatz reißend ist, wird man die Lager so rasch wie nur irgend möglich auffüllen. Schon zweimal seit Kriegsende, zuletzt im Frühjahr 1948, hatten die amerikanischen Verbraucher versucht, sich den ständig steigenden Preisen durch einen Käuferstreik zu entziehen. Doch es war zu früh; zu viele waren noch geneigt, um jeden Preis zu kaufen.

Das ist jetzt vorbei. Die Amerikaner wollen gern kaufen und viel kaufen, denn sie haben, aus laufenden Einkünften und aus Ersparnissen, reichlich Geld in der Tasche. Aber sie wollen billiger kaufen. Und so warten sie eben, bis die Preise genügend gefallen sind. Was ist nun genügend? Bisher reicht es offensichtlich nicht aus: von einem Höchststand für 1948 bei 174,5 (1-935–1939 = 100) und von 171,4 am Jahresende 1948 sind die Verbraucherpreise. bisher erst bei 169,7 angelangt (dabei betrug das durchschnittliche Familieneinkommen 1948 in den USA 3320 $ gegen 2920 $ im Jahre 1947; und insgesamt ist der Lebensstandard gegenüber der Vorkriegszeit um rund 20 v. H. gestiegen). Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem der Verbraucher willig wird – oder durch die Geschicklichkeit der Verkäufer wieder willig gemacht wird. Wann wird das sein? Und bei welchem Preisstand?

Niemand hält die Abwärtsbewegung in den USA bereits für beendet. Aber es bedurfte nicht erst des Truman-Blicks in jedes – oder doch in jedes mit einem Fernsehgerät ausgestattete – Heim, um den Durchschnittsverbraucher daran zu erinnern, daß er gern wieder einiges kaufen möchte. Wir wollen einige als typisch anzusehende Beobachtungen registrieren. Der tägliche Bedarf wird heute noch in dem gleichen Umfang befriedigt, wie vor einem Jahre. Kaffee ist ein Beispiel, weil er schließlich nicht stets in der gleichen (großen) Menge auf den Tisch kommen muß. Der Verbrauch an Kaffee zeigt in den USA bisher keinerlei Rückgang (Hoffnungen auf Preissenkungen wären unbegründet, da das Angebot eher knapp zu nennen ist). Und noch eines ist außerordentlich wichtig: Die Verbraucher wollen zwar billiger kaufen – jedoch keine schlechteren Qualitäten!

Nun der Umfang der Produktion: Höchststand (wieder 1935–1939 = 100) im Jahre 1948 bei 195, leichter Rückgang zum Jahresende auf 192, weiterer Rückgang seitdem auf 174 im Mai, 170 im Juni. Also ein Rückgang um 15 v.H. gegenüber dem Rekordstand (der fast das Doppelte der Vorkriegsproduktion betrug?), und das hauptsächlich durch Lagerräumung und Käuferzurückhaltung bedingt. Ein weiterer Rückgang auf 150–155 v.H. des Vorkriegsstandes wird nicht für ausgeschlossen gehalten. Darüber hinaus rechnet man mit weiterem Fallen nur dann, wenn zusätzlich ungünstige Faktoren auftreten. Man kann es nicht "Krise" nennen, wenn die Produktion der gesamten Industrie eines Landes auf 150 v.H. des Standes vor zehn Jahren "fällt". Und der Kreis wirtschaftlichen Ratgeber, auf den sich Truman stützte, konnte daher zu dem Fazit kommen, man mache "die einmalige und erfreuliche Erfahrung, daß eine Inflation von großem Umfang liquidiert wird, ohne daß die Volkswirtschaft in einen schweren Rückschlag gerät."

Beachtet man dazu die ersten Anzeichen in der Textilwirtschaft und im Verbrauch von NE-Metallen, die für einzelne Zweige bereits eine Überwindung des Tiefstandes andeuten, dann wird die Mahnung vor der "Gefahr der Unterschätzung" verständlich. Sollte die Berichtigung sich nach einem Preisabschlag von bisher nur 3 v. H. bereits in diesem Herbst verlaufen (was allerdings von manchen seriösen Beobachtern bezweifelt wird), und sollten genügend neue Banckredite (dagegen nicht Ersparnisse) für neue Investitionen auf diesem hohen Preisstand zur Verfügung stehen, dann könnte ein Teil der "Bereinigung" unterbleiben und als Sprengstoff für eine spätere, ernstere Krise eingemauert werden. Solange die Amerikaner zwar Angst vor einer Krise haben, jedoch – wie bisher, als Verbraucher und als Produzenten – ihre Nerven behalten, braucht man sich nicht um die amerikanische Prosperität und um das Ansteigen der Arbeitslosenziffer für eine kurze Zeit zu sorgen. Die amerikanische Wirtschaft unterzieht sich nur einem gesunden Fasten, während Europa ständig Pillen und Spritzen braucht, um seinen ausgemergelten Wirtschaftskörper und seine erschöpfte Vitalität in Bewegung zu halten. Gw.