Von Alix Berdolt-Stieger

Antoine de Saint-Exupery – Saint-Ex, wie ihn seine Freunde nannten – wurde 1900 in Lyon geboren. Seine Mutter stammte aus einer alten provençalischen Adelsfamilie. Als junger Mensch trat er zunächst in die Marineschule ein, ging dann aber bald zur Fliegerei über, die sich damals noch im aufregenden Anfangsstadium ihrer Entwicklung befand. 1926 tat er sich als einer der heldenhaften Pioniere der großen Transozeanlinien hervor. Für die Gesellschaft, die den überseeischen Postverkehr sicherte, flog er die Strecke Toulouse–Dakar und bald die großen Überseelinien, Südamerika, Australien. 1935 folgte Paris–Saigon. Trotz dieses harten Dienstes als Verkehrsflieger war Saint-Exupery in diesen Jahren bereits ein bekannter Schriftsteller. 1931 erhielt er für den Fliegerroman "Vol de Nuit" (deutsch 1932 bei S. Fischer, Berlin) den Femina-Preis. Diesem Buch war "Courrier-Sud", ein Niederschlag seiner Erlebnisse auf den Flügen über den südamerikanischen Kontinent, vorausgegangen. Es folgten "Terre des Hommes" (deutsch unter dem Titel "Wind, Sand und Sterne" im Karl Rauch Verlag) und "Pilote de Guerre in den ersten Kriegsjahren geschrieben und bald von den deutschen Besatzungsbehörden verboten. Gleich vielen seiner Landsleute verließ auch Saint-Exupery während der Besatzungszeit seine Heimat und ging nach Amerika. Dort erschien ein schmales Bändchen "Lettres à un Otage" – Briefe an einen Geisel – der ergreifende Abschied eines Mannes, der seine Heimat, die nun, 1942, einem gewaltigen "Schiff mit erloschenen Lichtern" gleicht, verlassen muß. Ebenfalls in Amerika erschien "Le Petit Prince" – ein Märchen, in Wahrheit eine Selbstbiographie.

Zu diesen wenigen Büchern kommen noch einige Briefe, die als Botschaften aufzufassen sind. So einer, der im Januar 1943 in der "New York Times Review erstmalig erschien: ein Aufruf zur Versöhnung aller Franzosen, zur Beendung des Bruderstreites zwischen denen, die ihr Land verlassen hatten, und denen, die dort ausharrten. Er hat auch heute noch nichts von seiner Aktualität verloren, bedenkt man die furchtbaren inneren Zwiste, in denen sich Frankreich immer noch befindet. Dieser Brief versucht vor allem auch eine Rechtfertigung jener, die in Verhandlungen mit der Besatzungsmacht das Los ihres Landes zu erleichtern suchten, und wird darum vielleicht später, in einer leidenschaftsloseren Zeit geschichtlicher Beurteilung, nach seiner vollen Bedeutung gewürdigt werden. Versöhnlich reicht Saint-Exupéry allen die Hand: "Wenn ich mich so beruhigt fühle, so deshalb, weil ich mir niemals irgendeine Berufung zum Richteramt zuerkenne. Die Gesamtheit, mit der ich mich eins fühle, ist weder eine Partei noch eine Sekte: sie ist mein Vaterland ..."

Eine andere dieser "Botschaften", der "Brief an den General X", der im "Figaro Litteraire" (Nr. 103, 3. Jahrg.) veröffentlicht wurde, ist im Juli 1943 geschrieben worden: "Ach, General, es gibt nur ein, ein einziges Problem auf dieser Welt" – so heißt es in diesem Schreiben –: "den Menschen wiederum einen geistigen Wert, geistige Ziele zu geben. Etwas auf sie herabregnen zu lassen, das wie ein gregorianischer Chorgesang ist . – "Was nützt es, den Krieg zu gewinnen, wenn wir dann hundert Krisenjahre revolutionärer Epilepsie haben werden? Wenn die deutsche Frage endgültigt geregelt ist, beginnen erst die eigentlichen Probleme ... Mir ist es ganz gleichgültig, ob ich in diesem Krieg fallen werde. Denn was Bleibt von dem, was ich geliebt habe? Ich meine die Menschen, aber auch ebenso die alten Traditionen, die unwiederbrirglichen Stimmungen und jenes bestimmte geistige Licht ... Sollte ich jedoch zurückkehren, so gibt es für mich nur ein Problem: Was kann, was muß man den Menschen sagen?"

Hier wie in den früheren Romanen werden bereits Gedanken ausgesprochen, die in dem nachgelassenen Werk "La Citadelle" – bei Gallimard erschienen und als "für französisches Denken und französische Kultur repräsentatives Buch" mit dem "Botschafterpreis" ausgezeichnet – ihre Vertiefung, Zusammenfassung und gültige Formulierung erfahren sollten. Das Werk mußte allerdings unvollendet bleiben. Acht Jahre hatte der Dichter daran gearbeitet und gedachte weitere zehn Jahre daran zu arbeiten. Das aufgefundene Manuskript umfaßte 985 Schreibmaschinenseiten. Die Herausgeber haben – aus Respekt vor dem Namen – bis auf die allergröbsten orthographischen Fehler nichts an dem Wortlaut des Manuskripts ändern wollen. Eine vielleicht etwas zu weit getriebene Pietät; denn Saint-Exupery pflegte bis tief in die Nacht hinein zu arbeiten und das neu Erarbeitete dann in ein Diktaphon zu diktieren, nach dem seine Sekretärin am nächsten Morgen den Text niederschrieb; ein Verfahren, das, da er nur selten einmal eine Seite überprüfte, zahlreiche Fehler und Irrtümer mit sich bringen mußte.

Die "Zitadelle" ist eine imaginäre Stadt, ein Staatswesen, das – wie der bekannte französische Literaturkritiker Robert Kemp sagt – "solide hinter den Festungswällen seiner Traditionen und seiner Autorität" verschanzt ist. Ein utopisches Reich, das nicht auf den Trümmerr, sondern auf den Fundamenten der Vergangenheit erbaut wird. Die Struktur des Staates ist rein patriarchalisch. Der Sprecher; der in ungezählten Parabeln, Sentenzen, lyrischen Beschreibungen im feierlichen Tone biblischer Gesänge und orientalischer Erzählungen über Krieg und Frieden, Tod und Leben, Sklaventum und echte Freiheit, Liebe und Leiden, Herrschen und Dienen spricht, ist ein junger arabischer Fürst, der erst demütig von seinem Vater Weisheit und Belehrung empfängt, um dann selbst die Herrschaft anzutreten.

Der Schauplatz der Begebenheit ist die arabische Wüste, jenes Land, das der Dichter in den langen Jahren seiner Tätigkeit als Verkehrsflieger und in vielen qualvollen Stunden, dem Tode des Verdurstens nahe, kennengelernt hatte. Er kannte das Gesicht dieses Landes, seine glühenden Tage und sternklaren, kühlen Nächte, seine unwahrscheinlichen Farben, seine Menschen, ihre feierlichen langen Gespräche, deren uralte Form ihm zur Prägung seiner Gedanken am geeignetsten schien. Hier, angesichts der gewaltigen einfachen Natur, angesichts ihrer harten Gesetze und grausamen Logik, zeichneten sich ihm auch die menschlichen Gesetze und Erkenntnisse wie die der alten religiösen Lehren, die dort entstanden sind, auf leuchtendem Grunde ab. Diese Gesetze und Wahrheiten, von denen der Herrscher als der Verantwortliche spricht, sind streng, ja unerbittlich, aber sie ruhen auf der Weisheit tiefster Güte. Er will sein Reich dauerhaft erbauen, es dem Wandel der Natur und der Zeiten abringen: "Ich verabscheue den Wandel ... Mich schauert, wenn Gott sich erhebt. Möge er, der Unwandelbare, doch in Ewigkeit ruhen! Denn es gibt eine Zeit der Schöpfung, aber es gibt auch eine Zeit, eine glückselige Zeit für die Erhaltung des Überlieferten ..."