Es sei ein schweres Problem, sich darüber klarzuwerden, welches Strafmaß für diesen Abenteurer, der in die Politik geraten sei, verlangt werden müsse, erklärte der französische Staatsanwalt in seinem Schlußwort über den angeklagten früheren Botschafter Otto Abetz, Statt Abenteurer sollte man "Wandervogel" sagen. Der 46jährige, vom Pariser Militärgericht am Freitag zu 20 Jahren Zwangsarbeit Verurteilte, kommt aus der Jugendbewegung und blieb in seiner Haltung ein typischer "Freideutscher". Er glaubte aber, Politiker und Diplomat zu sein, und erlag dabei sehr bald dem Reiz des politischen Intrigenspiels, der Versuchung der Macht und dem System, mit dem er sich entgegen seiner demokratischen und pazifistischen Grundhaltung 1933 verbündet hatte. Auch der schärfste Gegner von Otto Abetz wird die Verdienste dieses früheren Zeichenlehrers aus der Zeit vor 1933 anerkennen. Der charmante, gut aussehende, der französischen Kultur eng verbundene Badenser suchte und fand als führendes Mitglied der Jugendbewegung den Kontakt mit französischen Gleichgesinnten und organisierte deutschfranzösische Jugendtreffen: den Sohlberg-Kreis. Auf diesen Zusammenkünften lernte er auch seine spätere Frau, die Nordfranzösin Susanne de Bruyker, kennen. Als Vorkämpfer der deutschfranzösischen Verständigung fand Otto Abetz das Vertrauen weiter Kreise in Deutschland und Frankreich. In diesem guten Kampf stand er in der vordersten Front – blieb dort aber auch nach 1933. Der damals 30 jährige glaubte, seine Arbeit auch unter einer ihm an sich nicht genehmen Regierung fortsetzen zu können und zu müssen, sah dabei weder die Gefahren dieses Regimes noch die Grenzen seines Könnens. Er wurde zum Gefangenen des neuen Systems und in Politik und Diplomatie zu einem Dilettanten, ja, zeitweilig zu einem Agenten. Als Frankreich-Referent Ribbentrops und als Botschafter der Besatzungszeit stand er etwas allein. Die wenigen, die ihm von früher treu geblieben waren, waren nicht die Besten und eher eine Belastung, wie de Brinon und Luchaire. Die um eine faire Besatzungspolitik bemühten Kreise des Militärbefehlshabers, wie Stülpnagel, Speidel und Hofacker, lehnten ihn als dem NS-System verfallen, als den unerfahrenen, ewig jugendbewegten, als den in der Wahl der Mittel und Mitarbeiter wenig Wählerischen ab – bis schließlich, als Hitler den Befehl zur Zerstörung von Paris gegeben hatte, General von Choltitz, der "Retter von Paris", sagen konnte: "So gehören Sie also auch zu ans vernünftigen Menschen."

Als Botschafter trug Abetz die politische Verantwortung auch für viele Besatzungsmaßnahmen, die nicht als Notwendigkeiten der Besatzungen gerechtfertigt werden können, sondern mit Recht von der gesitteten Welt abgelehnt werden, Der Staatsanwalt machte Abetz verantwortlich für die Plünderung jüdischer Vermögenswerte, für die Massendeportationen von Juden und Arbeitern, für die Festnahme von Geiseln und für die Vorschläge zur Erschießung der früheren Minister Mandel, Reynaud und Blum. Das Gericht ließ viele dieser Anklagen fallen, Abetz vertrat die These, daß er manches nur getan habe, um Schlimmeres zu verhindern. So kam es zu einer Debatte über die Taktik unter einem totalitären Regime. Daß Abetz oft versucht hat, der Regierung in Vichy bei Auseinandersetzungen mit Hitler den Rücken zu stärken, kann als bewiesen gelten. So hat er Laval immer wieder ermutigt, gegen die Ausweisung von Elsässern und Lothringern anzugehen. Auch hielt er das Banner mancher Jugendideale aufrecht. Als es in Deutschland kaum möglich war, über die Vereinigten Staaten von Europa zu schreiben, ermunterte Otto Abetz seine Freunde, wie Marcel Déat, Bertrand de Jouvenel und Francis Delaisi, die Europa-Debatte aus der Zeit vor 1933 fortzusetzen. Aber Otto Abetz war schon zu sehr dem Regime verfallen, mußte zu sehr darauf bedacht sein, über Erfolge nach Berlin zu berichten, und verstand sich zu wenig auf das Parkett der Diplomatie und der Politik, als daß diese oft von besten Absichten getragene Arbeit die erhofften Früchte hätte bringen können, In einer Botschaft, die mit beschlagnahmten Kunstgegenständen "geschmückt" ist, kann eine ehrliche Politik nicht gedeihen. Wahrhaft: Es ist schwierig, ein Urteil über einen Wandervogel zu fällen, der in die Politik geraten ist. Inoffizielle Erklärungen lassen einen Gnadenakt des Präsidenten erwarten. W. G.