Pressefreiheit ist Denkfreiheit. Nicht zuletzt darum ist das Pressewesen eine Angelegenheit, die jeden einzelnen angeht. Die Tageszeitungen Westdeutschlands waren Tageszeitungen bisher nur ihrem Namen nach. Die Papierknappheit und technische Schwierigkeiten zwangen sie, von einem täglichen Erscheinen abzusehen. Aber während das Blatt der amerikanischen Besatzungsmacht, die "Neue Zeitung" in München, und die englisch kontrollierte "Welt" in Hamburg, schon am 1. Juli täglich zu erscheinen begannen, werden auch die deutschen Tageszeitungen vom 1. September an jeden Tag herauskommen. Es trifft sich gut, daß in Berlin, der Stadt, die bald nach dem Kriege wieder die lebendigste Zeitungsstadt Deutschlands wurde, eine Presseausstellung in Verbindung mit einer internationalen Pressetagung stattfindet. In dieser Ausstellung (die im kleineren Umfang bereits im Oktober 1947 in Düsseldorf, später dann in München und Hannover zu sehen war) wird gezeigt werden, was die deutsche Presse seit Beendigung des Krieges bis heute leisten konnte. Aber ist denn das Problem der Pressefreiheit heute in ganz Deutschland geklärt? Die Zeitungen in den verschiedenen Zonen, jenseits und diesseits des Eisernen Vorhanges, sprechen verschiedene Sprachen. So gibt es "jenseits" die Erziehung zur Volksdemokratie, die wieder einmal "Ausrichtung" statt Freiheit meint. Die rein deutschen Tageszeitungen – ob Parteiblätter oder nicht – werden demnächst eine größere Rolle spielen als bisher. "Die Zeit" will in den folgenden Beiträgen die Situation der Presse ihren Lesern näherbringen.

Wer heute die Zeitungen in den Westzonen aufmerksam verfolgt, kommt fast zu dem Eindruck, daß sie schon wieder friedensmäßigen Charakter haben. Die Zeitungen sind in letzter Zeit umfangreicher geworden; auffallend ist der zum Teil besonders, reiche Sport- und Anzeigenteil. Dem nicht Eingeweihten mag dieser heutige Zeitungstyp als lukratives Geschäft erscheinen. Die Zeitungen haben Auflagen in einer Höhe, die es früher nur in geringem Maße gab, und einen Anzeigenumfang, der auch bei den Provinzzeitungen früher nur zu Festtagen zu verzeichnen war. Die Frage liegt nahe, ob dieser äußere Schein einer wirklichen gesunden Geschäftsgrundlage im Zeitungswesen entspricht. Wie ist denn die Lage in Wirklichkeit?

Die nach 1945 gegründeten Zeitungsverlage haben in den allermeisten Fällen auch heute noch keine eigenen Druckereien. Von den 57 Zeitungen der britischen Zone haben nur zwei Verlage eigene Druckereibetriebe, alle anderen werden im Lohndruckverfahren hergestellt. Durch diese Lohndruckverträge mit größtenteils übersetzten Preisen konnten die Besitzer der Druckereien in den vergangenen Jahren ihre Betriebe wiederaufbauen, während die eigentlichen Zeitungsverleger im allgemeinen nur geringe Investitionen für den Ausbau ihrer Verlagseinrichtungen vornehmen konnten. Aber die natürliche Verbindung zwischen Druckerei und Verlag ist noch stets ein zu erstrebendes Ziel gewesen! Deshalb ist die Entscheidung der Hamburger Bürgerschaft, den Hamburger Zeitungen einen Kredit von 3 1/2 Millionen D-Mark zu gewähren, eine wirklich begrüßenswerte Hilfe für die Zeitungen; denn nur auf diese Weise wird es möglich sein, den Weg zur Errichtung eigener Betriebe zu verkürzen.

Auf Grund der Militär-Verordnung 185 befassen sich die Landtage der britischen Zone gegenwärtig mit einer Gesetzesvorlage zur Sicherung der Presse. Diese Gesetzesvorlage hat das Ziel, besonders im Hinblick auf das für den 1. September vorgesehene tägliche Erscheinen und die zu diesem Termin neu erscheinenden Zeitungen, die heute vorhandene Druckkapazität für die Zeitungen zu sichern. Die ernste Bedeutung dieser Gesetze erhellt daraus, daß nach der Aufhebung der Lizenzierung der Besitzer von Druckereimaschinen gegenüber dem heutigen Zeitungsverleger einen erheblichen Vorsprung gewinnt, da jeder Besitzer von Druckereimaschinen in der Lage sein wird, Zeitungen zu publizieren, während es dem heutigen Zeitungsverleger bei seiner Kalkulationsgrundlage – besonders durch die völlig veränderten Verhältnisse beim täglichen Erscheinen der Zeitungen nach dem 1. September – einfach unmöglich sein wird, eigene Druckereien zu errichten. Der Zonenpresserat hat bei seiner kürzlichen Tagung in Hamburg beschlossen, allen Zeitungen einen Investitionskredit zu beschaffen. Man darf sich aber keinen Illusionen hingeben über die Schwierigkeiten, die einem solchen Kredit für die über 100 Zeitungen der britischen und amerikanischen Zone entgegenstehen, da ein ausreichender Maschinenpark für ein modernes Zeitungsunternehmen erhebliche Mittel erfordert.

Außer der mangelnden Druckkapazität fehlte den Zeitungen zum täglichen Erscheinen bisher auch das Papier. Diese Sorge ist neuerdings durch den Papierimport mit Hilfe des Marshall-Planes überwunden. Außer den Lieferungen aus deutscher Produktion, die rund ein Drittel des Bedarfs deckt, erhalten die Zeitungen gegenwärtig Papier aus Kanada, Finnland, Holland, Polen, Jugoslawien und der Tschechoslowakei. Die sehr erheblichen Papiermengen für das tägliche Erscheinen bedeuten eine große Kapitalbelastung für die Verlage, da dieses Papier beim Eintreffen bar bezahlt werden muß – und es handelt sich stets um ganze Schiffsladungen. Es besteht die Hoffnung, daß später eine zweckmäßigere Einfuhrpolitik von deutscher Seite betrieben werden kann, so daß statt des jetzigen stoßweisen Eintreffens von Auslandspapier eine geregeltere Monatseinfuhr erfolgen kann.

Die Zeitungen standen bisher noch unter keinem echten Konkurrenzprinzip. Im Interesse des Lesers ist aber zu wünschen, daß das Niveau unserer Zeitungen gehoben wird durch eine ständige, echte Konkurrenz der Leistung. Dazu hat der Zonenpresserat bereits beschlossen, daß mit dem täglichen Erscheinen die letzte noch aus der Lizenzierung verbliebene Beschränkung, nämlich die der Verbreitungsgebiete, fortfallen soll. Seit dem 20. Juli 1948 gibt es keine Auflagenbeschränkung mehr, ab 1. September wird es auch keine Beschränkung der Verbreitungsgebiete mehr geben. Es werden voraussichtlich in Zukunft weitere Zeitungen erscheinen. Diese sollen nach der Meinung des Presserates Organe von mindestens 50 000 Auflage sein, die nach ihrer Struktur wirtschaftlich so stark begründet sind, daß sie auch im Konkurrenzkampf Bestand haben. Dagegen sollen die früheren deutschen Miniaturzeitungen mit Auflagen von einigen wenigen tausend Exemplaren nicht publiziert werden; dieser Zeitungstyp, der früher einmal so charakteristisch für das deutsche Zeitungsleben war, hat sich nach unserer Ansicht überlebt. Das deutsche Publikum hat Anspruch darauf, eine gute Zeitung zu erhalten. Eine gute Zeitung aber bedarf eines ausgedehnten Nachrichtendienstes, und der ist nur möglich auf der Basis einer Auflage von etwa 50 000 Exemplaren. Der Typ der früheren Kleinstzeitungen war wirtschaftlich nur möglich durch die Belieferung mit Matern. Sie würden uns jedoch erneut jene unselige Entwicklung zu Meinungsfabriken bescheren. Wir aber wünschen keine Meinungsmonopole; die Hugenberg-Ära ist noch in zu frischer Erinnerung. Die deutsche Demokratie bedarf gefestigter Zeitungsunternehmen, weil nur auf dieser Grundlage eine wirklich unabhängige Presse entstehen kann.