Traditionen sind heutzutage in Deutschland etwas Seltenes. Der erhebliche Verbrauch an Regimen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war ihrer Herausbildung nicht förderlich. Der "Verein Hamburger Exporteure der jetzt seinen ersten Jahresbericht für das Geschäftsjahr 1948/49 herausgab, kann mit einem fast fünfzigjährigen Bestehen also schon als Ausnahme gelten, denn auch in der Zeit, in der er zur Bezirksgeschäftsstelle einer Wirtschaftsgruppe degradiert war, hat er sich immer nur als Berufsvertretung des hamburgischen, Ausfuhrhandels gefühlt.

Der Bericht ist als Rückblick auf einen bestimmten Abschnitt in der Geschichte des Nachkriegsaußenhandels deshalb so bemerkenswert, weil der beschriebene Zeitraum durch eine Zäsur gekennzeichnet ist, die hier nicht, wie auf allen übrigen Wirtschaftsgebieten, allein von der Währungsreform bestimmt war. Der Übergang zum 30-Cents-Kurs, das Herauskommen der revidierten JEIA-Anordnung 1 mit den sie begleitenden Erleichterungen lassen fast in Schwarzweißmalerei ein Vorher und Nachher erkennen: Vorher eine von schwerfälligen Verfahrensformalitäten fast widerwillig gewährte Exportmöglichkeit, die besonders das Geschäft des Exporteurs durch die Betonung des Ländergesichtspunkts erschwerte; eine durch Rohstoffmangel und R-Mark-Abrechnung gekennzeichnete Abneigung der Industrie, Exportofferten abzugeben; das mühsame Anbahnen alter" und neuer Geschäftsbeziehungen auf den überseeischen Märkten, erschwert durch die Unmöglichkeit eigener Auslandsreisen; das Fehlen von Handelsverträgen mit den überseeischen Ländern, wodurch die Aufnahme deutscher Waren de facto nur in Ausnahmefällen erfolgte. Kurzum ein Zustand, der vielleicht später einmal als die trostloseste Zeit des Hamburger Exporthandels den Jahren der napoleonischen Kontinentalsperre gleichgestellt werden wird.

Das Nachher stellt sich nun allerdings bei näherer Betrachtung durchaus nicht als weiß, sondern als recht grau heraus; Der Bericht bezeichnet das Überseegeschäft schlechthin als unbefriedigend. Als Gründe hierfür gibt er an, daß der Kontakt mit den überseeischen Märkten nur zum Teil wiederhergestellt werden konnte, daß sich die Dollar-Klausel, besonders im Verkehr mit den Ländern des Sterling-Blocks, nachteilig auswirkte und daß die Lockerung des Ausfuhrverfahrens zeitweise empfindliche Rückschläge erlitt. Die ersten Handelsverträge mit überseeischen Ländern, wie mit Uruguay, Indien und Ägypten, hatten entweder nur mangelhaft oder gar nicht funktioniert, und die Erteilung von Einfuhrlizenzen, zumal in den britischen und französischen Besitzungen, war völlig unzulänglich. Trotzdem läßt der Bericht erkennen, welche belebende Wirkung allein die Schaffung der unerläßlichen Voraussetzungen für das Zustandekommen normaler, auf rein privatwirtschaftlichkaufmännischer Grundlage beruhender Geschäfte hatte.

Auffällig ist, in wie starkem Maße, verglichen mit Vorkriegszeiten, der hamburgische Handel im europäischer Geschäft tätig ist. Vor allem dem fachlich spezialisierten Exporteur ist es vielfach gelungen, in Europa eine Art Ausgleich für das noch nicht wiedererstandene Überseegeschäft zu finden. Der Verein betont aber nachdrücklich die immer wichtigere Rolle, die der Ausfuhr nach den Überseemärkten als Folge der zum bilateralen Ausgleich tendierenden europäischen Außenhandelsentwicklung zukommt. Er hält es für unwahrscheinlich, daß die im Marshall-Plan vorgesehenen traditionellen Überschüsse Deutschlands im Verkehr mit den europäischen Ländern herausgewirtschaftet werden könnten. Bei der starken Abhängigkeit Deutschlands von überseeischen Rohstoff- und Lebensmittelbezügen sei deshalb die Steigerung des Exports nach den Lieferländern dieser Produkte unbedingt erforderlich. Als wesentliche Schwierigkeiten werden einmal der ungestüme Drang der meisten Überseeländer nach dem Aufbau eigener Konsumgüterindustrien bezeichnet und die sich daraus ergebende Notwendigkeit einer Veränderung des deutschen Warensortiments. Damit verbindet sich die Frage eines ausgeprägteren fachlichen Sortiments des Handels. Die Zukunft wird im Zeichen großer Investitionsvorhaben sowohl in Afrika wie in Südamerika und dem mittleren Osten stehen. Eine deutsche Beteiligung an diesem Anlagegeschäft nach den Spielregeln des freien Wettbewerbs stößt noch auf manche Hemmungen, ist aber unerläßlich, um eine unausgeglichene Zahlungsbilanz und die damit verbundenen Einschränkungen des Imports zu vermeiden. Damit soll jedoch keines? wegs ein Verzicht auf den Absatz altherkömmlicher und in Deutschland hochentwickelter Verbrauchsgütergruppen verbunden sein, sofern nur eine; Anpassung an die insbesondere von den USA ausgegangene neue Formgebung erfolgt. Der Bericht bedauert ausdrücklich das in fast allen Handelsverträgen festgelegte absolute Übergewicht der Investitionsgüter im Verhältnis zu den Verbrauchsgütern.

Als durchweg erfreulich werden die Beziehungen zwischen Exporteuren und Fabrikanten angesehen. Mit dem größer werdenden Risiko und dem Wunsch des Herstellers nach prompter Bezahlung sei eine wachsende Neigung festzustellen, sich des Ausfuhrhandels zu bedienen. Es wird als -ausgeschlossen bezeichnet, daß sich jeder Fabrik kant in der ganzen überseeischen Welt eine eigene Absatzorganisation zulegen könne. Der hanseatische Ausfuhrhandel mit seiner Spezialisierung auf bestimmte Märkte wüchse hierbei zwar langsam aber unaufhaltsam in seine natürlichen Funktionen hinein. Insofern geht von diesem Jahresbericht bei allem Aufzeigen von Mängeln und Widerständen doch eine ruhige Zuversicht aus. Zahlreiche hanseatische Kaufleute haben besonders im letzten halben Jahr ihre alten Märkte wieder beweist. Sie haben die Kundschaft besucht, ihre Chancen mit denen der ausländischen Konkurrenz gemessen und sind mit dem Gefühl zurückgekehrt, daß ihre Zukunftsaussichten auf den verschiedenen Märkten "nicht die schlechtesten zu sein brauchen. st.