Berlin, Ende Juli

Die Ideen neuer Modestile liegen in der Luft und scheinen sich geheimnisvoll über den Erdball fortzusetzen. Zwar gibt es auch handfeste Spione, und es ist schon geschehen, daß eine Pariser Schöpfung in Serien zu verbilligten Preisen in New York verkauft wurde, noch ehe das Modell in Paris auf einer Schau der neuen Kollektionen vorgeführt war. Auch war es immer üblich, daß die bisher in Deutschland führenden Berliner Modehäuser sich in Paris durch Augenschein informierten. Aber selbst heute, da die Verbindungen kaum vorhanden sind, haben sie alle mit unabwägbarem Instinkt gemeinsam den Versuch unternommen, den Charakter der Frauen durch modische Einwirkungen zu formen: Die Frauen sollen weiblicher werden. Und Beobachter haben festgestellt, daß die Frauen sich tatsächlich in den neuen Kleidern graziöser bewegen und die kameradschaftliche Sachlichkeit gegen zarte Weiblichkeit eintauschen möchten.

Auch in den deutschen Zonen haben wir beobachtet, daß die Regel zutraf, nach der die "Kultur" des Siegers auf die Besiegten übergeht. In der Ostzone ist der New Look als westliche Entartung verpönt, man trägt sich "russisch"; in München und Frankfurt zieht man den Dreiklang kontrastreicher, vor Lebensfreude jauchzender Farben vor; in der französischen Zone ist man elegant und pariserisch verspielt. In Berlin empfand man den sehr komplizierten Pariser Stil als nicht ganz zeitgemäß und tendierte zu der amerikanischen Vereinfachung der Linienführung, zu dem Ideal des High style for low prizes.

Der junge, sehr begabte Berliner Modeschöpfer Heinz Oestergaard formulierte es so: "Die Modeschöpfung darf niemals den Anschluß an die Wirklichkeit verlieren. Mein Bestreben ist es, das Niveau des allgemeinen Geschmacks zu heben. Wieviel Damen der großen Gesellschaft gibt es bei uns denn noch, die die Modelle der Haute Couture tragen? – Woanders ist es nicht viel besser: Christian Dior macht in Paris Haute Couture und in den USA Fließbandkollektion; Jaques Fath und Maeggy Ruff führen ihre Modelle in Westdeutschland vor. Würden Sie es tun, wenn sie es nicht nötig hätten? – Die Modelle sollen nur die Linie angeben, nach der wir die vereinfachte, aber schöne Form für die Konfektion entwickeln." (Oestergaard arbeitet zusammen mit dem alten Berliner Konfektionshaus Schroeder und Eggeringhaus.) "Neu ist unsere Erfindung der ‚Inge-Kleider‘, die am laufenden Band in einfacher, aber schöner Linie ohne geschmacklosen Zierat hergestellt und besonders preiswert verkauft werden können. Für den Lebensstil unserer berufstätigen Frauen ist der moderne sehr enge Rock unpraktisch, ich plädiere daher für die gebundene Weite‘. Da es uns im Augenblick nicht recht ansteht, vor Lebensfreude zu schreien, schlage ich für den Herbst rauchige, kranke Farben, wie wir in der Fachsprache sagen, vor: Ockergelb, Schilfgrün und ein gedämpftes Rot."

Seit am Berliner Hausvogteiplatz, dem einstigen Zentrum der in der ganzen Welt gut eingeführten deutschen Konfektion, Gras auf den Ruinen wächst, machen die Berliner Modehäuser große Anstrengungen, in Westdeutschland und im Ausland vorzuzeigen, was sie noch und wieder können. Von den früher 600 Berliner Bekleidungsfirmen waren auf den jetzigen Verkaufsschauen in Hamburg, Düsseldorf und Krefeld zwölf, unter ihnen Eggeringhaus und Oestergaard, Gehringer und Glupp, Horn, Staebe-Saeger und ‚Charlott‘. Auch heute sind die Berliner Modeerfinder besonders geschmackvoll und ihre Mannequins von besonderem Charme, aber der immer noch in dieser Stadt vorhandene Stamm hervorragender Konfektionsschneider kann bei weitem nicht ausreichend beschäftigt werden, da hier wie in allen anderen Wirtschaftszweigen die Käufer fehlen, die Käufer aus dem weiten, jetzt versperrten Hinterland.

Der Schneidermeister Alfred L. ist ein typischer Vertreter des tüchtigen, fleißigen Berliner Facharbeiters. Nachdem er im Kriege durch Bomben seine Wohnung verlor, wohnte er in einen, weitentlegenen Vorort vor der Stadt. Je nach den Verkehrsverhältnissen hatte er von dort einen Weg von drei bis vier Stunden zu seinem Arbeitgeber. Als durch die Blockade die Verhältnisse immer schwieriger wurden, hat er schließlich seine vier Nähmaschinen in ihre einzelnen Teile zerlegt und sie in zwei Monaten Stück für Stück durch die Zonenkontrolle geschmuggelt, um treu bei seiner alten Firma weiterzuarbeiten. Unabgemeldet hat er sich im Westsektor angesiedelt und später, der Ordnung halber, seinen Abmeldebrief geschrieben. "Wenn man daran denkt, daß der nächste Winter ähnlich wie der vorige werden soll...", sagt er etwas hilflos. "Aber wir lernen uns ja in Berlin in letzter Zeit immer wieder neu freuen über jede Besserung."