Während des Krieges haben viele deutsche Bibliotheken ihre Gebäude, ihre unersetzbaren Kataloge und Hunderttausende ihrer Werke verloren. Die Deutsche Bücherei in Leipzig hat keine schwere Einbuße erlitten. Rund 50 000 Zeitschriftenbände, 2 v. H. des Bestandes, gingen verloren. Ein Teil von ihnen konnte bereits wieder beschafft werden. Die Deutsche Bücherei ist heute Deutschlands größte Bibliothek, Unter ihren 2085 000 Bänden sind 640 000 Zeitschriftenjahrgänge, über 200 000 Dissertationen, 40 000 Kartenblätter und Wandkarten und 20 000 künstlerische Druckwerke. Sie ist die einzige Stelle, an der auch heute noch das deutschsprachige Schrifttum des In- und Auslandes seit 1913 vollständig gesammelt und infolge des Präsenzcharakters der Bibliothek jederzeit greifbar ist.

1912 wurde diese Zentralbibliothek des deutschen Schrifttums vom Börsenverein der Deutschen Buchhändler, zu Leipzig gegründet. Von 1924 an, also seit fünfundzwanzig Jahren, steht sie unter der Leitung von Generaldirektor Dr. Heinrich Uhlendahl. Seit dem 1. Januar 1913, dem Beginn ihrer Sammeltätigkeit, gehen ihr alle Verlagserzeugnisse, amtliche Druckschriften, Schul- und Hochschulschriften sowie Gesellschafts-, Vereins- und Privatdrucke zu. Getreu einer jahrzehntelang gewahrten Tradition senden die deutschen Verleger aus Ost und West das erste Exemplar ihrer Werke in Buch- oder Zeitschriftenform nach Leipzig, um es in das Archiv des Deutschen Schrifttums und in die "Deutsche Nationalbibliographie" sowie in die laufenden Spezialbibliographien der Deutschen Bücherei aufnehmen zu lassen. Die Besatzungsmächte haben ihre Hilfe nicht versagt, um Deutschland und der Welt diese einmalige zentraleSammelstätte zu erhalten und sie in ihren Bibliographen Aufgaben zu unterstützen. Ein Beschluß des Alliierten Kontrollrats vom 9. März 1947 und entsprechende Anordnungen der einzelnen Militärregierungen bestätigen die Einsendungspflicht der Verleger.

Aus der Hauptaufgabe der Deutschen Bücherei, der Sammeltätigkeit, erwächst organisch eine zweite, ebenso wichtige Aufgabe: die geistige Arbeit und wissenschaftliche Forschung zu fördern, das gesammelte Schrifttum der Fachwelt und der Allgemeinheit nutzbar zu machen. Dies geschieht vor allem durch eine vielseitige bibliographische Verzeichnung für die Zwecke des Buchhandels, der Bibliotheken, der Wissenschaft und Forschung und vieler praktischer Berufszweige,

Neben den laufenden Bibliographien bearbeitet die Deutsche Bücherei im Auftrag der Besatzungsmacht die "Liste der auszusondernden Literatur", der bisher eine Vorläufige. Ausgabe mit 15 000 Titeln, ein Erster Nachtrag mit 5000 Titeln und ein Zweiter Nachtrag mit 10 000 Titeln erschienen sind. Ein demnächst erscheinender Dritter und letzter Nachtrag soll die Sichtung der Bestände auf nazistische und militaristische Schriften abschließen.

Zu dieser zweiten Hauptaufgabe der Deutschen Bücherei kommen nun auch die umfangreichen Aufgaben der zentralen Katalogisierung und der Auskunfterteilung. Mit der Herstellung gedruckter Katalogkarten dient die Bücherei den Tagesaufgaben der Bibliotheken, des Buchhandels und der Wissenschaft. Der Auskunftabteilung stehen außer den umfassenden Katalogen eine in Deutschland heute gewiß einzigartige bibliographische Handbibliothek von 14 000 und die Lesesaalbibliothek mit 26 000 Nachschlagewerken jeder Art zur Verfügung.

Die Bestände, die früher jährlich um etwa 80 000 Bände anwuchsen, und die sich seit 1945 bereits wieder um 110 000 Bände aus der laufenden Produktion vermehrten, werden durch einen großzügigen Benutzungsdienst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Lesesäle, in denen zu gewissen Tageszeiten kaum Platz zu finden ist, sind werktags von 8 bis 22 Uhr, sonntags von 15 bis 22 Uhr durchgehend geöffnet. Die Benutzung erfolgt kostenlos.

Die Deutsche Bücherei ist Präsenzbibliothek, das heißt, sie stellt ihre Bücher nur in den Lesesälen den Benutzern zur Verfügung. Werke, die in anderen Bibliotheken nicht vorhanden sind, werden im Wege des deutschen Leihverkehrs auch nach auswärts verliehen, so daß die Kontinuität der wissenschaftlichen Forschung hierdurch sichergestellt ist.