Die Deutsche Evangelische Woche in Hannover war mehr als nur ein Erfolg. Sie stand im Zeichen der tätigen Anteilnahme der Laienwelt an der Kirche, die nur dann lebendig wirken kann, wenn sie keine Pastorenkirche ist. Niemand weiß dies besser als der Landesbischof von Hannover, der in seiner Vaterstadt die bedeutsame Kundgebung eröffnetes D. Dr. Hanns Lilje. Es ist kennzeichnend für diesen Mann, daß er in seiner Begrüßungsrede der Tagung wünschte, sie möge vor "leeren, Worten" bewahrt bleiben. Diese Warnung ist gerade in unserer Zeit ein "volles Wort"; Zu ihr berufen kann nur sein, wer selbst gefeit ist gegen hohle Phrase, und falsches Pathos, wer sich der Verantwortung des Wortes bewußt ist. Bischof Lilje verzichtet, Wenn er von der Kanzel spricht, auf jedes billige Pastorale Mittel. Die Substanz seiner Predigt wirkt durch sich selbst. Und wer erlebt hat, wie er eine Tagung der evangelischen Akademie in Hermannsburg leitet, unermüdlich und jederzeit In der Lage, mit überlegener Diktion das jeweils Notwendige zu sagen – richtungweisend, klärend, zusammenfassend –, der weiß diesen Meiner des Wortes erst wahrhaft zu würdigen.

Der weitverbreiteten Vorstellung vom evangelischen Pastor entspricht dieser Bischof nicht. Alles Enge, alles Steife und betont Salbungsvolle Ist hier überwunden. Als Diener einer Verkündigung, die nicht von dieser Welt ist, hat er keineswegs darauf verzichtet, sich selbst in dieser Welt bewegen zu können. Die selbstverständliche Sicherheit der Formen, die Gabe des Humors, die Beherrschung mehrerer Sprachen – dies alles befähigt ihn, den in Deutschland ferner noch etwas fremdartigen Begriff eines evangelischen Bischofs mit höchst persönlichem lieben zu füllen. Er ist kein "Kirchenfürst", wohl aber ein eindrucksvoller Repräsentant Hoher kirchlicher Würde. Der Bischofsring am Finger, das Bischofskreuz auf der Brust sind Ihm keine Eitelkeiten; Er ehrt mit ihnen ein Amt, dem er dient. Und es tut seiner Würde gewiß keinen Abbruch, wenn er bei seinen zahlreichen Dienstfahrten selbst am Steuer seines Austin sitzt. In seinem Buche "Im finstern Tal" spricht Bischof Lilje von seinem "schlechthin unbedeutenden Äußeren". Fraglos unterlag hier sein sonst so sicheres Urteil seiner Bescheidenheit.

Wenn der Landesbischof am 20. August seinen fünfzigsten Geburtstag feiert, wird er an jenen anderen 20. August vor fünf Jahren denken müssen, an den Tag nach seiner Verhaftung. Damals war er in dem berüchtigten Gestapogefängnis in der Lehrter Straße in Berlin. Nach dem 20. Juli 1944 traf auch ihn das Geschick so vieler anderer, die längst dem Gewaltstaat verdächtig und verhaßt geworden waren. Er war kein Verschwören, wohl aber ein unentwegter Verkündiger des Evangeliums, führend in der Bekennenden Kirche. Schon in der jungreformatorischen Bewegung war er mit Martin Niemöller eng verbunden gewesen. Lilje wurde "des Landesverrats und der Feindbegünstigung" angeklagt und vom Volksgerichtshof unter Freislers Vorsitz verurteilt. Erst beim Zusammenbruch wurde er durch amerikanische Truppen befreit. Sein Buch "Im finstern Tal" schildert die neun Monate seiner Haft schlicht und ohne Haß. Es ist das Zeugnis eines Christen, dem die Gefangenschaft zur inneren Freiheit wurde.

Hanns Lilje, Ehrendoktor mehrerer ausländischer Universitäten, hat so manches Amt bekleidet, so manches Buch geschrieben. Auf vielen internationalen Kirchenkonferenzen hat er Deutschland vertreten. Seit Anfang dieses Jahres ist er Stellvertretender Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands. Sein Arbeitstag ist überfüllt mit mannigfachen Verpflichtungen. In diesen Tagen findet er, der als Studentenpfarrer begann, die Zeit, den Christlichen Studententag in Hannover zu leiten. Er weiß, daß das Vertrauen der Jugend für die wenigen Menschen der älteren Generation, die es genießen, eine Verpflichtung ist, der sie sich nicht entziehen dürfen. Er weiß ebenso, daß nur strengste politische Überparteilichkeit dem immer noch vorhandenen Mißtrauen; der Arbeiterschaft gegen eine "Kirche der Blitzenden" wirksam begegnen kann. So ist Bischof Lilje im Konflikt der Generationen und im Konflikt der ,,Klassen ein Friedenshelfer von hoher Bedeutung. Was immer er tut, hat Format. E. F.