Die "Bundeshauptstadt-Kommission" des Parlamentarischen Rates stellte in ihrem Gutachten fest, daß für den Ausbau zum vorläufigen Bundessitz in Bonn 3,8 Millionen, in Frankfurt etwa 10 Millionen DM aufgewendet werden müßten. Dieser angebliche Kostenunterschied war eines der Hauptargumente für die Wahl von Bonn. Die beiden Zahlen hatte die Kommission, ohne sie nachzuprüfen, einerseits vom Land Nordrhein-Westfalen, anderseits von der Stadt Frankfurt übernommen. Daß die 3,8 Millionen nicht einmal für die sehr bescheidenen Teilaufgaben reichen dürften, für die sie vorgesehen waren, daß vielmehr das Bonner Projekt in seiner Gesamtheit mit all den notwendigen Büro- und Wohnbauten, Fernmeldeeinrichtungen, Eisenbahn- und sonstigen Verkehrsanlagen ein Vielfaches jener Summe verschlingen müßte (in Frankfurt hatte man weit über 100 Millionen dafür ausgegeben), konnte auch der Laie, ohne erst lange nachrechnen zu müssen, einsehen. Heute stellt sich nun heraus, daß auch die Erfinder jener Zahl deren problematische Bedingtheit offen zugeben. Plötzlich heißt es, dem Kostenpunkt komme ja keine so große Bedeutung zu, es werden andere Argumente in den Vordergrundgeschoben, und man gibt sich kaum noch Mühe zu verbergen, daß man damals – schlicht gesagt – düpiert hat und nun offensichtlich auf die Vergeßlichkeit der Menschen spekuliert. Wenn die Demokratie die Wahrheit der Taktik opfert, wenn ein hoher Postbeamter beinahe einen seelischen Zusammenbruch erleidet, offensichtlich infolge von Schwierigkeiten, die ihm bereitet wurden, weil er – ein ehrlicher, in den Schlichen der Parteipolitik unerfahrener Techniker. – Tatsachen bekanntgemacht hatte, die einige nicht hören und noch weniger lesen möchten, dann nähern wir uns ja schon wieder Zuständen, die wir für immer überwunden glaubten. Da ist es an der Zeit, Alarm zu schlagen, damit sich nicht die Demagogie auf Kosten der Demokratie in Deutschland ausbreite.

R. S.