Von Iwan N. Minischki

Die englische Regierung hat vor einigen Tagen neues Beweismaterial über die Millionenzahl der in sowjetischen Zwangslagen zugrunde gehenden Arbeitssklaven veröffentlicht Diese furchtbare soziale Tragödie besteht, wirtschaftlich gesehen, darin, daß etwa ein Siebente der Arbeitsfähigen Rußlands in Zwangsarbeit zu Tode geschunden wird, um die Arbeitsleistung der übrigen sechs Siebentel durch Angst und Schrecken auf der Höhe zu halten. Und sie bedeutet politisch, daß ebenso wie der einzelne Gegner des Stalinismus ganze Bevölkerungsgruppen, die dem Regime unerwünscht sind, aus dem Gesellschaftskörper ausgeschieden werden und einer mehr oder minder schnellen Vernichtung anheimfallen. Sie hat aber noch eine dritte, von der Statistik nicht erfaßte, nämlich die menschliche Seite. Davon geben die Aufzeichnungen eines Mannes Kenntnis, der zur alten Garde des internationalen Kommunismus gehört, voll Enthusiasmus in die Sowjetunion kam, dem aber die hohe Stellung, die er sich in der Roten Armee und in der Sowjetwirtschaft errang, den bitteren Weg von der "Säuberung" durch die Sowjetgefängnisse bis in das subpolare Zwangsarbeitslager von Kargopol nicht ersparte. Es war einer der unergründlichen Zufälle des Sowjetsystems, der ihm schließlich Freiheit und Leben wieder schenkte, mit dem er schon abgeschlossen hatte. – Iwan Nikolajewitsch Minischki ist Bulgare und war Kommunist von Jugend auf. Nach dem Zusammenbruch des bulgarischen Aufstandes 1923 flüchtete er nach Rußland, studierte in Moskau Chemie und wurde zuerst im Rang eines Obersten, später eines Generalmajors Leiter der Unterrichtsabteilung der Militärisch-Chemischen Akademie in Moskau. 1935, im Alter von 40 Jahren, wurde er stellvertretender Präsident des Technisch-Normativen Rates des Volkskommissariats für die Schwerindustrie und technischer Direktor der elektro-chemischen Fabrik "Elektro-Kohle" in Moskau. Iwan N. Minischki gehörte also zum höchsten Rang der technisch-militärischen Bürokratie, er war Sowjetbürger und auch altes Mitglied der bolschewistischen Partei.

Es war am 20. März 1938. Immer noch rollten die Wogen der großen Säuberung durch Rußland, der paar Monate zuvor die Berühmtesten der alten Bolschewiken, Tausende der Revolutionäre und Barrikadenkämpfer von 1918, selbst die alten Freunde Lenins zum Opfer gefallen waren. Sinowjeff, Kamenjeff, Bukharin waren erschossen, selbst der GPU-Chef Jagoda war hingerichtet worden. Es gab kein Haus mehr in Moskau, aus dem die GPU nicht schon mindestens einen auf Nimmerwiedersehen abgeholt hatte. Das Volk ging scheu und eingeschüchtert seiner Arbeit nach, die Funktionäre der Partei und der Wirtschaft wagten, aus Angst vor Denunziation und Vernichtung, kaum mehr miteinander zu sprechen. Eine Atmosphäre des Grauens lag über der Stadt.

Am Abend jenes 20. März 1938 saß ich allein in meinem Zimmer. Meine Familie und das Mädchen, mit denen ich sonst das Zimmer teilte, waren zu Verwandten aufs Land gefahren. Ich suchte meine trüben Gedanken und Befürchtungen mit etwas Musik zu beschwichtigen. Diese Befürchtungen waren nicht unbegründet. Schon vor Monaten hatte mich die Säuberungsmaschine wenn nicht erfaßt, so doch gestreift, wenn man so sagen kann. Im Juli 1937 war ich plötzlich von meinem Posten als Direktor der "Elektrokohle" entlassen und aus der Partei ausgeschlossen worden. Seither hatte ich einen aufreibenden und vergeblichen Kampf um meine Rehabilitierung geführt. Mit den Partei- und GPU-Instanzen in Betrieb und Haus, mit der bulgarischen Abteilung der Komintern – wo damals Georgi Dimitroff und der jetzige bulgarische Ministerpräsident Kolaroff das Wort führten, mit früheren Freunden und Kollegen, die aber jetzt von mir nichts wissen wollten aus Angst, aufzufallen und selbst ein Opfer der Säuberung zu werden. Zwar war das "Material", das man gegen mich vorgebracht hatte und das hauptsächlich in der Beschuldigung bestand, ich hätte vor meiner Emigration in Bulgarien "nicht gegen den Trotzkismus gekämpft", nicht ernst zu nehmen, weil Trotzki damals, vor 1923, noch Verteidigungskommissar der Sowjetunion war und das Problem des Trotzkismus noch gar nicht bestand. Zwar hatte Kolaroff mir versprochen, ich würde rehabilitiert und "zur Bewährung" nach Bulgarien in die kommunistische Parteiarbeit geschickt werden. Allein jedesmal, wenn ich die bulgarische Gesandtschaft verließ, wo ich das Paßvisum beantragen mußte, befand ich mich unter der Aufsicht einiger unheimlicher Gestalten, die mich bis zu meiner Wohnung verfolgten und zweifellos Agenten der GPU waren. Noch mehr beunruhigte es mich, daß sich, als endlich das bulgarische Visum vorlag, die Erteilung der sowjetischen Ausreiseerlaubnis immer wieder verzögerte. Und schließlich konnte ich mir, während ich weiter wie ein Rasender um meine Rehabilitierung kämpfte, nicht verhehlen, daß die Säuberung bei vielen so angefangen hatte, um schließlich mit Deportation oder Todesurteil zu enden.