Am Morgen des 22. März 1938 waren meine Aufnahmeformalitäten endgültig erledigt. Vorher wurden wir jedoch nochmals einer gründlichen Leibesvisitation unterworfen. Wir mußten uns vollständig ausziehen und jeder Zoll unserer Kleidung wurde durchgeknetet. Bei dieser Visitation wurde mir der Schlips, Manschettenknöpfe, Hosenträger, Riemen, Schnürsenkel und überhaupt alles, was ich besaß, abgenommen. Die Knöpfe an meinen Hosen bestanden aus Metall und auch sie wurden abgeschnitten: Ich mußte in der Folge meine Hosen stets mit den Händen festhalten, damit sie nicht herunterfielen. Ferner wurden meine Hände mit Farbe eingeschmiert, um Fingerabdrücke herzustellen. Nach dieser Bearbeitung wurden wir in die Badestube des Gefängnisses geführt. Der Aufenthalt dort dauerte nicht lange, dafür warteten wir mehr als eine Stunde ganz nackt in einem kalten Flur, bis unsere Kleidung aus der Desinfektionskammer zurückkam. Nachdem ich mich mit Mühe und Not angezogen hatte, sah ich in einem mir gegenüberliegenden Fenster das Spiegelbild eines unbekannten Menschen. Das war ich, wahrhaftig, ich war es. Das Gesicht war spitz und unrasiert, unter den Augen blaue Ränder, der Blick erschrocken und gehetzt, das geschorene Haar, der Hals ohne Kragen mir offenem Hemd und mein Anzug, der vollkommen zerknittert war, die Hosen, die ich mit beiden Händen festhalten mußte, damit sie nicht herunterfielen, ja, das war ich, erst zwei Tage nach meiner Verhaftung. Die anderen Verhafteten unterschieden sich von mir sowohl nach ihrem äußeren Aussehen als nach ihrem seelischen Zustand durch nichts. In diesem Zustande wurden wir in die Gefängniszellen geführt. Ich und einige der anderen Verhafteten kamen in ein mächtiges Gebäude, den sogenannten dritten Komplex des Tagan-Gefängnisses.

Meine Zelle befand sich im Obergeschoß. Wir wurden durch einen langen halbdunklen Korridor geführt. Mein Begleiter auf dem Gang zur Zelle war ein junger NKWD-Mann. Unterwegs mußte ich den Blick senken, also sozusagen meine Fußspitzen ansehen. Ich durfte weder links noch rechts schauen und mußte die Hände über dem Rücken verschränkt halten. Das war sozusagen der erste Exerzierschritt zur Umerziehung der Volksfeinde. Auf dem Wege zur Zelle traf ich einen anderen Arrestanten. Während er an mir vorbeiging, mußte ich mich platt an die Wand stellen und durfte mich nicht rühren.

Dann erreichten wir eine schwere Eisentür mit einem Hängeschloß. Der Gefängniswärter öffnete sie und stieß mich roh in einen großen Raum. Es war die Zelle Nr. 449.

Vor mir sah ich ein Bild, das schwer zu beschreiben ist. Die Zelle war überfüllt mit merkwürdigen Wesen, die Menschen kaum noch ähnelten: unrasiert, zerrissen, schmutzig, mit sturem erschrecktem Blick. Die Luft war säuerlich stickig, der Atem stockte mir unwillkürlich, als ich diesen Raum betrat. Es war unmöglich, weiter in den Raum einzudringen, ich mußte dicht neben der Tür stehenbleiben. Unmittelbar vor der Tür befanden sich zwei große Eimer. Hinter diesen Eimern standen die Menschen und varteten, bis sie an der Reihe waren.

Ein Dutzend Leute überschütteten mich fieberhaft mit Fragen: wer ich sei, wann man mich verhaftet habe, ob man "draußen" wisse, daß hier Menschen grausam geschlagen und gefoltert werden. In der Zelle Nr. 449, die eine Fläche von 80 bis 90 Quadratmeter hatte, befanden sich 30 kleine eiserne Pritschen, ohne Bettwäsche, ohne Matratzen und ohne Strohsäcke. Zweihundertachtundvierzig Häftlinge verschiedener Nationalität fristeten hier ihr Dasein. Die Mehrzahl der Zelleninsassen waren Großrussen – An zweiter Stelle kamen Juden, dann Litauer, und schließlich waren auch einige Ungarn, Österreicher, ein Chinese, ein Perser und je zwei Esten, Serben, Montenegriner dabei. Die gute Hälfte der Häftlinge waren Kommunisten, das heißt, Mitglieder der bolschewistischen Partei. Die andere Hälfte bestand aus Parteilosen verschiedenster Berufe: Ingenieure, Ärzte, Juristen, Arbeiter, Kolchos-Bauern und so weiter. Nachts lagen 60 Mann auf den eisernen Pritschen, und zwar je zwei auf jeder Schlafstelle in der Art von Spielkarten-Buben, so daß die Füße des einen den Kopf des anderen berührten. Der Platz war so knapp, daß bei weitem nicht alle sich ausstrecken konnten. Ein Teil der Verhafteten hockte auf dem Fußboden und 20 bis 25 Mann mußten an die Wand gelehnt stehen und warten, bis die Reihe zum Ausstrecken an sie kam. Die Nacht wurde zur Qual. Jeden Abend begannen die Kämpfe um die bequemsten Schlafstellen von neuem.

Das Gefängnis war derartig überfüllt, daß die Insassen nur einmal in 26 Stunden Gelegenheit hatten, die Toilette zu benutzen. Wir wurden erst zur Toilette geführt, wenn die Reihe an unsere Zelle kam. Sehr oft stand die Bedürfnisanstalt erst nachts zur Verfügung, und wenn irgend jemand das Unglück hatte, in dieser Zeit gerade bei einer Vernehmung zu sein, so mußte er auf die nächste Gelegenheit weitere 26 Stunden warten. So schmutzig die Toilette war, muß ich doch zu meiner Schande gestehen, daß der Aufenthalt dort zu der angenehmsten Zeit im Gefängnis zählte; weil die Luft in der stinkenden Toilette immer noch besser war als in der Zelle. (Wird fortgesetzt)

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