Von Ernst Wilhelm Eschmann

Locarno‚ Ende Juli

Im glücklichen Klima der weitausgedehnten Wohnsiedlung, die sich jetzt fast schon zusammenhängend mit Locarno als Mittelpunkt am rechten Ufer des Lago Maggiore von der Tessinmündung bis zur italienischen Grenze die Berghänge entlang zieht, gibt es drei "Saisons", welche die Fremden anziehen. Die des Vorfrühlings und Frühlings wird von der Mimosen- und Kamelienblüte beherrscht, die des Herbstes von der Weinlese und von dem kräftigen roten Landwein der Gegend, dem "Nostrano". Juli und August aber stehen unter dem Zeichen zweier seltsam polarer Veranstaltungen: des internationalen Filmfestivals, der sich seit dem Krieg unter der klugen Leitung von Camillo und Vinicio Beretta einen gleichberechtigten Platz neben den Wettbewerben von Cannes und Venedig erobert hat, und der "Eranostagung" im nahen Ascona, die einen Monat später der Psychologie von C. G. Jung nahestehende Religionshistoriker, Ethnologen, Mythologen, Philosophen aus verschiedenen Erdteilen zu einer ungemein intensiven Vortrags- und Seminartätigkeit vereinigt.

Die beiden Veranstaltungen haben gewiß nichts miteinander zu tun. Aber die eine überschattet doch die andere und durch die Nähe des bedeutenden psychologischen Zentrums der Casa Eranos angeregt, wird man unwillkürlich geneigt, aus dem so umfangreich dargebotenen Vergleichsmaterial der Filme allgemeine Schlüsse auf internationale und nationale Zustände zu ziehen. Was zunächst auffällt, ist die große Anzahl langsamer Filme, die alles außer acht lassen, was die Sachverständigen der Branche als "filmisch" bezeichnen und verlangen. Wenn der schöne belgische Reisefilm über den Kongo "L’Equateur aux cents visages" – leider durch die Darstellung eines, ja, man kann es nicht anders ausdrücken, Affenmordes traurig entstellt – sich in der Ausmalung der herrlichen Landschaftsbilder gefällt, so entspricht das den Absichten dieses Films und das stillbegeisterte Publikum hätte nichts davon missen wollen. Aber sonderbar wirkt diese geradezu fanatische Langsamkeit in Filmen mit heftigem dramatischem Anspruch. Keine Nation macht davon eine Ausnahme. Die "Mühle am Po", Darstellung sozialer Konflikte aus der Lombardei des vorigen Jahrhunderts mit prachtvollen schauspielerischen Leistungen der Italiener, ist ohnehin ein verfilmter Roman. Aber seien es sonst amerikanische Banditen- und Wildwestfilme ("Yellow Sky" und "The big cat"), seien es melancholische Liebes- und Verbrechensgeschichten in alten französischen Schlössern und Bauernhäusern aus diesem und anderen Jahrhunderten ("Pattes Manches" und "La ferme des sept péchés"), sei es G. W. Papsts österreichischer "Widerstandsfilm" – über dessen innere Daseinsberechtigung man verschiedener Meinung war –, sei es Kurt Hoffmanns großer psychologischer Versuch: "Das verlorene Gesicht" (Drehbuch Harald Braun und Dr. Rolf Reißmann) – alles erinnerte nicht einmal an das Theater, sondern schlankweg an einen Roman, dessen Blätter geruhig nacheinander vor dem Leser aufgeschlagen wurden. Sehr schleppende Dialoge und noch mehr das genießerische Nachtasten von Bildeinstellungen, die mit dem Handlungsverlauf gar nichts zu tun haben, führen zu der Frage, die auch der Erfolg der englischen und amerikanischen Romanwälzer nahelegt, ob das sogenannte moderne Tempo nicht nur ein Oberflächengekräusel ist, dem etwas tiefer schon ein starker Wunsch nach Langsamkeit und Behagen widerspricht. Nicht nur Bücher wurden vor uns aufgeschlagen, sondern sogar Kinderbilderbücher, so der Film dressierter Vogel "Bill und Coo", in dem dressierte Wellensittiche menschliches Leben und Treiben bedrückend amüsant imitierten. Auch das war, wie es für Kinder gut ist, ganz, ganz langsam vorgetragen. Keiner dieser Filme reichte freilich an das köstliche Meisterwerk der "langsamen Weise" heran, die unvergessenen "Enfants du paradis" (1945). In diesem französischen Meisterwerk, schien die Rückkehr zum "lebenden", das heißt unbeweglichen Bild fast schon vollzogen.

Nur die reinen Gangsterfilme hatten "Tempo"; zwei Amerikaner: "Der nächtliche Wanderer" (He walked by night), "Falsch verbunden (Sorry, wrong number) und ein Franzose: "Auftrag in Tanger"; in der unverständlichen Überladenheit mit Intrigen erinnert dieser letzte Film an Schillers Don Carlos; als Widerstandsdrama gedacht, erstickten Intrigue und das Abenteuer an sich – die Tendenz. Der "gekonnteste" und wohl überhaupt der raffinierteste Film von allen gezeigten war ohne Zweifel "Falsch verbunden". Nicht verwunderlich allerdings, daß er keinen Preis erhielt: ein Beispiel freimütigeren Sadismus ist wohl selten auf der Leinwand aufgetreten als diese Story von der Frau (Barbara Stawyck), die durch das Telefon die Vorbereitung ihrer Ermordung durch den eigenen Mann erfährt und sich dem nahenden Verhängnis nicht entziehen kann. Aber auch die anderen Filme haben zum großen Teil diese Neigung zum "Milieu" im französischen Sinn dieses Wortes, so der erwähnte "Pattes blanches" – nach einem Stück von Jean Anouilh – oder der als sozialer Reformfilm auftretende schwedische "Hamnstad". Und das führt auf ein anderes Problem, nämlich das des "Interessanten" im Film. Wo dies noch hernehmen? Man spürt die internationale Verlegenheit. Es kann nicht immer nur die Liebe sein – diese Feststellung klingt selbst wie der Titel eines Schlagerfilms. Offenbar wird dies an den Filmen, die dies nicht glauben wollen, so graziös und einfallsreich sie sein mögen, wie "Enchantment" (USA) oder "Adam and Evelyne" (England). Die noch von Ernst Lubitsch begonnene "Dame im Hermelin" wurde als kalifornische Operette empfunden, das heißt als Überdosierung eines hübschen stendhalischen, aber in eine Huldigung an das alte Österreich-Ungarn auslaufenden Themas.

Wo also das Interessante finden? Nach diesem Festival offenbar an drei Orten: im Verbrechermilieu, im XIX. Jahrhundert und in der Psychologie. Die Vorliebe, des Films für das XIX. Jahrhundert ist erklärlich; findet man doch in dieser Epoche, wo die großen kollektiven Bedrohungen der menschlichen Person in unserem Jahrhundert vorbereitet wurden, das Individuelle und das Charakteristische wie sonst nirgends in der Weltgeschichte. Vor allem bei den französischen Filmen war es ein richtiges Schwelgen im "Dixneuvièmt", mit dem außerprogrammlich gezeigten "Mayerling" von Jean Cocteau als größtem Erfolg. für Frankreich liegt dies besonders nahe, als ja dort die Trennung vom XIX. Jahrhundert im Grunde gar nicht erfolgt ist. Aber auch im englischen und amerikanischen Film war dieses "Zurück!" ungemein mächtig zu sehen. So konnte es nicht erstaunen, daß vor einem so gewollt harmlosen Hintergrund ein grüblerischer, bemühter, in keiner Weise "angenehmer" Film wie Liebeneiners "Liebe 47" keine rechte Aufnahme fand, während die Hauptdarstellerin Hilde Krahl den Preis für die beste schauspielerische Leistung erhielt.

Wenn also verbrecherisches Milieu und das vorige Jahrhundert reichlich vertreten waren, so gab es diesmal nur einen symbolischen Film: "Das verlorene Gesicht". Er machte Eindruck und stimmte nachdenklich, auch abgesehen von Marianne Hoppes schauspielerischer Leistung.