Seit Wochen bemühen sich die Zeitungen der UdSSR und der deutschen Sowjetzone, mit Hilfe einer groß aufgezogenen Propaganda den westlichen Staaten klarzumachen, wie nötig es für ihr Gedeihen sei, mit dem Osten Handel zu treiben. So schrieb die in Moskau erscheinende "Neue Zeit", der Westen werde wirtschaftlich zugrunde gehen, wenn er den Handel mit den Oststaaten nicht baldigst aufnehme. Es scheint daher interessant, einmal zu untersuchen, wie groß in Wirklichkeit das Volumen eines Warenaustausches sein könnte.

Jahrelang hat die Welt nach Waren geschrien. – jetzt schreit sie plötzlich nach Absatzmärkten. Und wie in der Krise der dreißiger Jahre wenden sich aller Augen nach Osten. Der rote Handel lockt wieder. Steckt eine Wirklichkeit dahinter oder wieder nur eine Illusion?

In der Tat sollten Rußland und seine Satelliten, von China noch gar nicht zu reden, mit ihren fast 300 Millionen Menschen, denen es am Notwendigsten fehlt, ein Absatzmarkt sein, der auf Jahre hinaus alle im Westen entstehenden "Überschüsse" ohne weiteres absorbieren könnte. Unglücklicherweise besteht aber der Welthandel nicht darin, daß einer dem andern seine Waren schenkt, sondern in der Regel müssen sie – der Marshall-Plan ist eine Ausnahme mit politischer Ursache – bezahlt werden. Da weder Stalin noch Tito, weder Gottwald noch Rakosi die Dollars, Pfunde, Franken und D-Mark haben, mit denen man im Westen kaufen könnte, so ist mit ihnen nur eine Art Tauschhandel möglich, der unter dem – auch sonst auf längere Sicht gültigen – Gesetz steht, daß ein Absatzmarkt nur soviel wert ist, wie er selbst an Überschüssen erzeugt.

Die statistische Geheimniskrämerei der Oststaaten erschwert zwar das Urteil über die Fähigkeit dieser Länder, zu exportieren. Immerhin scheint festzustehen, daß die Sowjetunion 1947 in der Lage war, für ganze 450 Millionen Dollar Ausfuhrwaren zu liefern, wovon etwa 250 Millionen auf die Satelliten, der Rest auf die übrige Weit entfielen. Das stimmt ganz gut mit den Vorkriegsziffern überein, da Rußland in den Dreißigern meist weniger als die Tschechoslowakei lieferte, die 1936 für 300 Millionen Dollar exportiert hat. Mag sein, daß es jetzt schon mehr als vor dem Krieg produziert, mag auch sein, daß es in diesem Jahr eine besonders gute Ernte erwartet. Aber auf keinen Fall kann es möglich sein, von der Sowjetunion in diesem und in den folgenden Jahren Lieferungen zu erhalten, die für Europa wirklich ins Gewicht fallen. Und ähnlich sieht es bei den Satelliten aus. Jugoslawien etwa war in der guten Vorkriegszeit imstande, für etwa 100 Millionen Dollar Lebensmittel und Rohstoffe auszuführen, Ungarn für 90 und Rumänien für 200 Millionen. Die Tschechoslowakei führte weder Rohstoffe noch Lebensmittel, die der Westen braucht, aus, sondern Fertigwaren, mit denen er konkurriert. Seither sind alle diese Länder durch die von den kommunistischen Regimen veranlaßte Dekomposition der Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur in schwere Krisen geraten, ja einige von ihnen müssen heute dieselben Güter, die sie früher exportiert haben, im eigenen Lande rationieren und noch Brotgetreide von der Sowjetunion in Anspruch nehmen.

Unter solchen Umständen hört es sich etwas phantastisch an, daß England angeblich beabsichtigt, einen jährlichen Warenaustausch mit Rußland in Höhe von 440, mit Jugoslawien und Ungarn in Höhe von je 100 und mit der Tschechoslowakei in Höhe von 120 Millionen (Dollar zu vereinbaren, zumal diese Länder große Lieferungen untereinander durchführen müssen und überdies auch noch Verträge mit anderen westlichen Partnern haben. Solche überdimensionierte Handelsverträge würden wahrscheinlich dazu führen, daß die Ostländer zwar die britischen Lieferungen entgegennehmen, mit ihren eigenen Lieferungen aber rasch in Rückstand geraten würden, womit schließlich weniger als nichts erreicht wäre. Dasselbe gilt von diesbezüglichen westdeutschen Illusionen, deren Urheber vergessen haben, daß Deutschland in den dreißiger Jahren ein auf Exportsubventionen und politischem Druck beruhendes Monopol im Südosthandel ausübte, und ähnliches gilt sogar von dem Kontakt, der angeblich zur Zeit zwischen Herrn Gromyko und Wallstreet-Kreisen gepflegt wird, insofern es sich dabei nicht nur um die Wiederbelebung der russischen Manganerzausfuhr handelt, an der den Amerikanern sehr gelegen ist.

Bei all diesen Verhandlungen und Plänen mag etwas Nützliches erreicht werden. Es wird aber in absehbarer Zeit nichts Entscheidendes sein. Der Westen muß zunächst mit seinen Problemen allein fertig werden. Und am allerwenigsten Zweck hätte es, mit dem roten Handel zu drohen. Es würde ein Versuch mit untauglichen Mitteln, sein. H. A.