Neue Musikbücher

So kümmerlich – trotz gelegentlicher gegenteiliger Behauptungen – immer noch die Lage des Musikverlagswesens ist (man muß die lebenden deutschen Komponisten fragen, um die Wahrheit darüber zu erfahren), so gedeihlich präsentiert sich das Bild des Musikschrifttums. Auch dieses freilich weniger im Sinne der Quantitat; was aber kein Anlaß zum Bedauern ist.

Eine umfänglich knappe, inhaltlich gewichtige Studie gibt Karl Gustav Feilerer unter dem Titel "Die Musik im Wandel der Zeiten und Kulturen" (Regensbergsche Verlagsbuchhandlung, Münster). Die geschichtliche Entwicklung der Tonkunst wird hier unter den verschiedenen Aspekten der Eigengesetzlichkeit einerseits, der psychologischen, charakterologischen, soziologischen und technischen Bezogenheiten andererseits betrachtet. Ein Büchlein, das geeignet ist, zur Klärung der Begriffe wesentliches beizutragen. – In die Vorstellungswelt und die Gedankenwerkstatt schöpferischer Musiker führt die vorzügliche Auswahl "Musiker-Worte" von Karl H. Wörner (Verlag P. Keppler, Baden-Baden). Das sind fragmentarische Auszüge aus Briefen und Tagebüchern, mit einem klugen Nachwort des Herausgebers versehen. Eine Lücke füllt Paul Greef aus mit seiner gründlichen Darstellung "E. T. A. Hoff mann als Musiker" (Staufen-Verlag, Krefeld), die besonders auch die bisher am wenigsten beachtete Kirchenmusik des vielseitigen großen Romantikers einmal gebührend würdigt und den historischen Standort des Opernkomponisten mit sachlichen Argumenten bestimmt.

Die biographische Literatur bereichert der Staufen-Verlag mit einer schönen Auslese aus den Briefen Felix Mendelssohn-Bartholdys, eingeleitet von Reinhold Sietz. Zum Gegenstande selbst ist Neues nicht zu sagen. Es kann aber unserer Gegenwart nur von Nutzen sein, aus dem Einblick in diese Lebensdokumente einmal wieder einen Begriff bewußter Persönlichkeitskultur, geistiger Selbstdisziplin, künstlerischer Weltoffenheit und der harmonischen Ausgewogenheit zwischen Intellektualität und Fühlsamkeit zu gewinnen. – Mit Liebe, Sachkenntnis und Weitblick ist "Das Leben Rossinis" (Untertitel "Gesetz und Triumph der Oper") von Kurt Pfister beschrieben (Verlag Albert Nauck & Co., Detmold). Es ist die erste moderne deutsche Biographie des Meisters, auf authentische Berichte gestützt; darüber hinaus aber eine verdienstvolle Auseinandersetzung mit dem Opernproblem, dessen antithetischer Charakter sich gleichsam symbolisch in der Schilderung der berühmten persönlichen Unterredung Rossinis mit Richard Wagner in Paris widerspiegelt. Prächtige Bildausstattung empfiehlt das Buch obendrein.

Zwei autobiographische Bekenntnisbücher beansprachen besonderes Interesse. Ludwig Schiedermair, der bekannte Musikwissenschaftler, legt das Erinnerungsbuch "Musikalische Begegnungen" vor (Staufen-Verlag, Krefeld). Es handelt sich dabei sowohl um reale wie um ideelle Begegnungen, deren Niederschlag im Bewußtsein des Autors sowohl ein objektives musikgeschichtliches Zeitbild wie auch eine subjektive Ordnung geistiger Wahlverwandtschaften und daraus folgender Wertsetzungen erstehen ließ. – Anderer Art das zweite Buch: Leo Slezaks posthumer Abschluß seiner Selbstdarstellungen "Mein Lebensmärchen" (R. Piper & Co., München). Der Leser findet hier dieselben großen Vorzüge und kleinen, liebenswürdigen Schwächen einer grundgütigen Natur wieder, die schon die Lektüre der früheren Slezak-Bände so erheiternd und doch in gewissem Sinne ergreifend machten. Natürlich auch den auf jeder Seite fesselnd unterhaltenden Lesestoff.

A-th.