Vor fünfundzwanzig Jahren, am 3. August 1924, starb Josef Conrad Korczeniowsky. Zwanzig Jahre lang fuhr er auf französischen und englischen Schiffen zur See, änderte feinen Namen und seine Sprache, bis er mit seinem ersten Roman 1897 an die Öffentlichkeit trat. Bewährung und Versagen des Menschen ist immer das Hauptthema seither Dichtung. Es kam ihm nie in den Sinn, in seiner Muttersprache (er wurde in der Ukraine geboren) zu schreiben; er wählte die klassische Sprache der Seefahrer, das Englische. – Die folgenden-Gedanken sind seinen Briefen im John Galsworthy und andere entnommen. Die Briefe wurden bisher in Deutschland nicht veröffentlicht.

Das Material kann versagen, und der Mensch kann bisweilen auch versagen; aber meistens bewährt sich der Mensch, wenn es überhaupt zur Bewährungsprobe kommt, besser als der Stahl

Man muß das Geschehene nur als Abbildung der menschlichen Empfindung behandeln, als äußeres Zeichen für innerliche Gefühle – lebendige Gefühle, die allein in Wahrheit leidenschaftlich und interessant sind. Einbildungskraft (ich wünschte, ich hätte sie) sollte dazu dienen, Menschen zu schaffen: Herzen zu erschließen – und nicht Ereignisse hervorzubringen, die, genau genommen, nur Zufälle sind. Dies zu vollbringen, muß, man seine dichterische Fähigkeit pflegen – man muß sich gänzlich seiner eigenen Erregung überlassen (keine leichte Aufgabe). Man muß jede Empfindung, jeden Gedanken, jedes Bild aus seinem Innern herauspressen – erbarmungslos, ohne Vorbehalt und ohne Schonung. Man muß die dunkelsten Winkel seines Herzens, die entlegensten Schubfächer seines Hirns durchsuchen – man muß in ihnen nach der Bildkraft, dem Zauber, dem richtigen Ausdruck forschen. Und das muß man aufrichtig tun, was es auch immer kosten mag; man muß so verfahren, daß man am Ende seines Tagewerks sich ausgepumpt fühlt, leer. von jedem Fühlen und Denken, schmerzhaft leer in Geist und Gemüt, mit dem Gefühl, daß absolut nichts mehr in einem übriggelassen ist.

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Alle diese Jahre hatte ich keine Zeit, meinen Kopf vom Schreibtisch wegzuwenden. Tagelang wußte ich nicht, ob die Sonne schien, ob es regnete. Jetzt sind die Bücher fertig, aber zugleich bin ich müde und illusionsleer. Ein Verleger, der einen Artikel zurückschickt, kann niemals ermessen, welche Hingebung es kostet und wie teuer es erkauft ist. Aber das Schreiben ist ja, wie eine charmante Dame, die mich ziemlich grausam bei der Arbeit störte, meinte, "eine reizende Beschäftigung". Reizvoll oder nicht, ich sah immer meine Aufgabe in der Liebe zur Menschheit, und diese Aufgabe war mein bitterer Ernst. Ich muß gestehen, daß der Erfolg der Arbeit der letzten drei Monate miserabel ist, und dabei habe ich Tag für Tag gesessen. Es ist eine unmögliche Existenz.

Eine ganz lächerliche und abscheuliche Sache – jetzt habe ich alle meine Gedanken beisammen und weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen soll. Aus dem Chaos meiner Empfindungen will sich kein einziger Einfall gebären, mit dem ich die Handlung dieser Geschichte weiterführen könnte. Mein Fühlen ist unklar. Und ich schaudere, wenn ich daran denke, daß ich alles aus mir selbst herauszerren muß. Andere Schriftsteller haben einen festen Anhaltspunkt. Etwas, woran sie sich halten können. Sie gehen von einer Anekdote aus – von einem Zeitungsartikel (ein zufälliger Spruch in einem alten Kalender kann die Anregung zu einem Buch bilden), sie halten sich an die Überlieferung oder an die Geschichte, an Vorurteile oder Liebhabereien; sie betreiben ihr Geschäft mit den Meinungen oder politischen Strömungen ihrer Zeit. Jedenfalls aber wissen sie, womit sie beginnen können – während ich nichts weiß. Ich habe einige Eindrücke, einige Empfindungen gehabt – nun hat sich alles verflüchtigt – mein eigenes Wesen ist, wie es scheint, so bleich und dürr geworden wie das Gespenst einer überblonden sentimentalen Frau, die in einer nur von Ratten bewohnten romantischen Ruine als Geist umgeht. Ich fühle mich überaus elend. Was ich versuchen will, kommt mir genau so vernünftig vor, als wenn ich die Welt aus den Angeln heben wollte und dabei nicht einmal einen Stützpunkt hätte.

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