Die Veröffentlichungen der "Statistischen Zentralverwaltung beim Ministerrat der UdSSR" (ein sehr "zentral" und politisch gesteuertes Instrument) über die wirtschaftlichen Erfolge des vergangenen Jahres, haben Presse und Rundfunk der Sowjetunion Veranlassung gegeben, sich in Ekstase hineinzusteigern. Mehrere Tage lang herrschte bei ihnen ein Zahlentaumel, der schließlich in Überheblichkeit mit einem Schuß Arroganz mündete: "Wirtschaftlich lagen wir 50 bis 100 Jahre hinter dem Westen zurück, jetzt führen wir!" Oder: "Produktion und Kaufkraft in den kapitalistischen Staaten sinken unaufhaltsam – wir aber haben in den letzten drei Jahren 4000 neue industrielle Werke gegründet. Unsere Bruttoproduktion betrug 1948 27 v. H. mehr als 1947, und die Kaufkraft des Rubels ist um das Doppelte gestiegen!"

Diese Erfolge werden in erster Linie darauf zurückgeführt, daß in der Sowjetunion die Gesamtwirtschaft völlig vom "selbstlosen Staat" nach wissenschaftlich genau genormten Richtlinien geführt wird, während "drüben" der Staat dem Willen der Wirtschaft, also des Kapitals, sich zu fügen hat. Dazu werden dem Sowjetbürger dann (in der "Prawda") "überzeugende" Argumente serviert: "In Frankreich erzielten in den Nachkriegsjahren die Kapitalisten Gewinne in Höhe von 43 v. H. des Nationalvermögens, während das Gesamteinkommen der Werktätigen nur 39 v. H. betrug, und in den USA hat das Kapital im Jahre 1939 6,4 Mrd. und im Jahre 1947 über 30 Mrd. $ verdient .. !"

Weitere Ursachen der Erfolge, die "die kommunistische Zukunft der Welt sich bereits deutlich abzeichnen lassen", werden im beherrschenden Einfluß der Partei, im Erfolgswettstreit der Industrie und Landwirtschaft, in den überplanmäßigen Einsparungen (im vergangenen Jahr sollen es 6 Mrd. Rubel gewesen sein), im bewußten und strikten Befolgen der "wirtschaftstechnischen Normalgraphiken" und im zeitlichen. Überrunden der Jahrespläne gesehen. Besonders: für den Erfolgswettstreit (Stachanow) werden eifrigst Lanzen gebrochen.

Die statistische Zentralverwaltung hat u. a. festgestellt, daß die Bruttoproduktion der Industrie der Ukraine im vergangenen Jahre dem Vorjahr gegenüber 43 v. H., die Lettlands um 41 v. H., Weißrußlands ebenfalls um 41 v. H., Kasakstans um 40 v. H., der Baschkirenrepublik um 47 v. H. und Estlands um 35. v. H. zugenommen haben. Hierzu sei die Beobachtung vermerkt, daß die Industrie der peripheren Gebiete sehr viel schneller wächst als die der zentralen Republiken.

Da gibt es aber plötzlich eine Dissonanz, eine recht unangenehme Trübung: Die ‚TASS‘ gab nämlich der Provinzpresse im Rundfunk – sozusagen für den "Hausgebrauch" – bekannt, daß der Materialverbrauch der Schwerindustrie unter allen Umständen eingeschränkt und der allzu großzügige Stahl verschleiß, das "Aus-dem-Vollen-Wirtschaften" vieler Werke, sofort, aufhören müsse. Angeprangert werden namentlich die bekannten Werke "Roter Ätna", in Gorki. "Uralselmaschstroi" in Swerdlowsk und "Roter Kesselschmiede in Taganrog. Im Durchschnitt müßte der Stahlverbrauch, um mindestens 7 v. H. gesenkt werden, in vielen Fällen sogar um 12 v. H. und darüber, ja beim Bau eines 50-t-Krans könnten ganze 29 v. H. Material gespart werden! 500 neue "Normen" würden nächstens erscheinen und müßten genauestens befolgt werden.

Hier liegt zweifellos ein Engpaß, ein Schatten, der auf den Erfolgsglanz fällt und sich auch bei weiterem "überplanmäßigen" Anschwellen der peripheren Schwerindustrie ^erdichten dürfte. Wesentlich düsterer sieht es aber in einem anderen Gebiet aus, das von jeher eine schmerzhaft wunde Stelle der Sowjetunion und früher auch schon des Zarenreiches gewesen ist: im Transportwesen.

Offiziell wurde bekanntgegeben, daß besondere "Polit-Otdely" (d. h. Politische Abteilungen) bei den Zentralstellen der Eisenbahn zur Hebung der Arbeitsleistung und Ausmerzung bestehender Unzulänglichkeiten eingerichtet worden sind. Den Leitern der Direktionsbezirke werden "politische Gehilfen" mit besonderen Vollmachten zugeteilt, und die Parteizellen innerhalb der Beamtenschaft haben den Befehl erhalten, "Geist, Arbeitswillen und Verantwortungsgefühl" der Eisenbahner auf ein "angemessenes Niveau" zu bringen. Die ‚Prawda‘ sekundiert in einem Leitartikel ("Stärkt die politische Arbeit unter den Eisenbahnern!") und verlangt, daß vor allen Dingen der revolutionäre Geist, die Disziplin und die Exaktheit in der Arbeitsleistung gehoben werden müssen. D.