Von unserem England-Korrespondenten

E. G., London, im August

Wie reimt sich das zusammen? Seit zehn Jahren wird den Engländern gesagt, sie müßten sich anstrengen, sie müßten mehr leisten, mehr produzieren. Das galt für den Kriegseinsatz, dann für den Wiederaufbau, dann für den Export. Und die Engländer haben sich redlich bemüht. Ihr Kriegseinsatz war in manchem, so etwa in der Frauenarbeit, ausgedehnter als bei uns, das britische Jedermann-Programm war und ist ein Erfolg, der Export konnte in der Menge um die Hälfte gegenüber der Vorkriegszeit erhöht werden. Also recht beachtliche Leistungen.

Jetzt wird den Engländern vorgehalten, sie hätten zehn Jahre hindurch wirtschaftlich ein leichtes Leben gehabt, das müsse nun anders werden: Sie müßten sich endlich anstrengen, mehr feisten, billiger produzieren. Mit der vollen Empörung eines, der glaubt, ein rechtschaffenes Zehn – Jahres – Werk vollbracht zu haben, hört dies der Engländer.

Der gröbste Hunger der Welt nach Waren ist gestillt, nun muß wieder in Schüsseln serviert und die Rechnung sorgfältig spezifiziert werden. In Westdeutschland hat die Währungsreform dem Unternehmer den Rechenstift in die Hand gedrückt. Unter dem Zwang der Verhältnisse hat er aufs neue das alte Wechselspiel zwischen Kalkulation und Absatz entdeckt. Wird die "Dollarkrise" eine ähnliche Wirkung auf die Engländer ausüben?

Die Sehnsucht nach Sicherheit hemmt hier am stärksten. John Bull ist in die Jahre gekommen, in denen er vor Überraschungen gefeit sein will. Er möchte im Leben nicht mehr "per Anhalter" reisen, sondern nach festem Fahrplan. Die beiden führenden britischen Parteien fühlen sich verpflichtet, diesem Bedürfnis nach Sicherheit Rechnung zu tragen. Die Labour-Regierung ist sorgsam darauf bedacht, jeden kalten Windstoß für "ihre" Nachkriegs – Errungenschaften, Vollbeschäftigung und soziale Sicherheit, zu vermeiden. Und die Konservativen, in ihrem Wahlprogramm "Der rechte Weg für England", zeigen am Wege die gleichen Blümlein: Staatsbetriebe, Rationen, Subventionen, Kontrollen und gelenkten Außenhandel. Nur die Verstaatlichung der Stahlindustrie wird mit Energie bekämpft und "mehr Rentabilität" in den bereits sozialisierten Wirtschaftszweigen versprochen. Dafür übertrumpft man die sozialen Leistungen von Labour mit noch verlockenderen Bildern, die mit der gleichfalls versprochenen Senkung der Steuern schlecht harmonieren. "Blauen Sozialismus" nennt es ein britischer Spaßvogel.

Nun gönnen sicherlich alle, die Amerikaner nicht ausgenommen, den Briten ihre soziale Sicherheit, um die sie ein Jahrhundert gekämpft haben. Denn hier, auf der nunmehr freiwillig anerkannten Verantwortung der Allgemeinheit für das Wohl des einzelnen Menschen, ohne Rücksicht auf seine politischen, religiösen und sonstigen Bekenntnisse, beruht die sittliche Überlegenheit der demokratischen Freiheit. In dieser sozialen Verantwortung aller für jeden – und nicht nur für politisch, rassisch oder religiös Genehme – entsteht eine Mauer, die der ebenso freiheits- wie menschenfeindliche Bolschewismus unübersteigbar finden wird. Aber diese Verantwortung erfordert einen Preis, und bei der Aufbringung dieses Preises setzt die Kritik ein.