Ich war also nicht sehr angenehmer Stimmung an diesem Abend, und ich gestehe, daß meine Nerven heftig zitterten, als ich — es mochte kurz nach Mitternacht sein — plötzlich polternde Schritte im Korridor hörte und gleich darauf ein dröhnendes Klopfen an meiner Zunmertür ertönte. Augenblicklich traten drei Männer ein. Der eine trug Militäruniform der NKWD (die frühere GPU; die sowjetische Geheimpolizei hieß erst GPU, später NKWD, schließlich MVD), der zweite war in Zivil, in der Person des dritten er, kannte ich den Kommandanten des Hauses, in dem ich wohnte.

"Wir werden bei Ihnen eine Haussuchung durchführen", teilte mir der Uniformierte mit. "Haben Sie die Güte!", antwortete ich ihm. Ich muß gestehen, daß die Haussuchung sehr oberflächlich war . Es schien beinahe, als ob es sich dabei um eine nebensächliche Formalität handelte. Die Männer schauten flüchtig in die Bücherschränke, dann in meine Mappe, in der ich persönliche Papiere abgelegt hatte. Der Agent der NKWD blätterte etwas darin herum, klappte den Deckel zu, und legte alles in seine lederne Aktentasche. Außerdem steckte er noch meinen Fotoapparat ein, den ich mir vor einigen Tagen besorgt hatte, um ihn nach Bulgarien mitzunehmen.

"Nun bereiten Sie sich vor, uns zu folgen", wandte sich der Agent in Uniform an mich. "Wollen Sie mich denn verhaften?" "Die Verfügung über Ihre Verhaftung liegt vor Ihnen auf dem Tisch!" Ich blickte dieses Papier nicht einmal an und begann mich anzuziehen. Eine merkwürdige Angelegenheit. Während die Regierung mit Propagandamitteln jeder Art über das glückliche Leben in der UdSSR und über die Liebe des Volkes zu Stalin den Äther erfüllt, werden mit dem gleichen Eifer alle möglichen Legenden über Verschwörungen gegen diesen Stalin verbreitet, werden Mitteilungen gemacht über Schädlingsarbeit und Sabotage innerhalb der bolschewistischen Wirtschaft über Spionage für die kapitalistischen und faschistischen Länder und so weiter. Es ergibt sich demnach ein merkwürdiges Paradoxon. Einerseits sollen 190 Millionen Sowjetbürger ihren Führer Stalin angeblich maßlos lieben, bei sämtlichen Abstimmungen werden 99 99 v. H. der Stimmzettel für ihn abgegeben, aus allen Gebieten erhält er in Prosa und in Reimen Danksagungen und Briefe. Und anderseits sind diese Sowjetbürger, vermutlich aus Übermaß von Glück und Lebenslust, Feinde des Volkes, Saboteure und Spione, und in allen Poren des bolschewistischen Mechanismus werden terroristische Gruppen zwecks Ermordung des gleichen maßlos geliebten Stalins organisiert, deffür seine Bürger das Glück erobert hat.

Die Wirklichkeit ist jedoch ganz anders. Die Menschen in der UdSSR sind durch die Tätigkeit der NKWTJ in einen derartigen Zustand von Gleichgültigkeit und dumpfer Verzweiflung geführt, daß für sie die nächtlichen Verhaftungen, das spurlose Verschwinden und alle andtren Vergewaltigungen der menschlichen Persönlichkeit zur Selbstverständlichkeit geworden sind Keiner hat die Kraft, sich dagegeh aufzulehnen. In dem gleichen psychischen Zustand befand auch ich mich zur Zeit meiner Verhaftuag. Wer trieb Sabotage, wer führte Schädlingsarbeiten durch, wer spionierte? Das wußte ich nicht. Ich wußte auch nicht, ob in dem weiten Reich der UdSSR überhaupt solche Verbrechen vorgekommen waren. Eins wußte ich jedoch genau, daß ich daran nicht beteiligt war, im Gegenteil, ich hatte alle meine Kräfte dem Sowjetstaat aiid der bolschewistischen Partei gewidmet. Und trotzdem kam ich in dem "glücklichen" Stalinschen Reich unter einen solchen psychischen Druck, daß ich ohne Widerspruch wie ein Automat dem Agenten der NKWD folgte. Ich kam gar nicht auf den Gedanken, ihn zu fragen: "Warum verhaften Sie mich eigentlich? Und warum ausgerechnet in der Nacht und nicht am Tage?" Es war so, als ob das alles ganz in Ordnung sei. Ich selbst hatte im Unterbewußtsein ein tragisches Finale für mich erwartet und war, wie die anderen Opfer des Regimes, immer auf das Schlimmste gefaßt gewesen. Und nun war es eingetreten. Das Unglück, das Millionen Menschen zu erdulden hatten, verschonte auch mich nicht. Auf dem Hofe stand ein Personenkraftwagen; wir setzten uns hinein und fuhren davon. Nach 15 bis 20 Minuten wurde ich bereits wieder einer Durchsuchung unterzogen, und zwar in der Abteilung der NKWD des Rayons Molotovr. Nach einer Stunde wurde noch ein Bulgare, der Kommunist Iwan Georgewksch Botschakoff, dort eingeliefert, um mit mir zusammen in das Liibjankagefängnis gefahren zu werden. Für jedn Menschen in Sowjetrußland ist das Wort Labjanka ein Begriff. Man pflegt sogar im Spaß zu sagen: "Dieser junge Mann wird es noch weit bringen, wenn man ihn nicht auf der Lubjanka anhält Die Bezeichnung Lubjanka stammt von einem Platz und zwei in diesen Platz inmündenden Straßen — die große und die kleine Lubjanka. Zwischen diesen beiden Straßen befinden sich große Gebäude, in welchen die Zentralleitung der NKWD arbeitet. Gleichzeitig befindet sich in diesem Gebiet das Zentralgefängnis der UdSSR mit zahlreichen Kasematten und Zellen Äußerlich sind diese Gebäude durchaus modern und sogar mit einem Anspruch aufs Künstlerische errichtet. Einige von ihnen sind mit Plastiken und kostspieligem Granit verziert. Ein unbefangener Passant könnte schwerlich erraten in wefdh schrecklicher Art hier die menschliche Persönlichkeit verhöhnt wird.

In diese Lubjanka wurden mein Landsmann Am Eingang — unser Wagen hielt an der Kleinen Lubjanka Straße — war eine lebhafte Bewegung. Es war etwa 3 Uhr nachts. Zahlreiche PKWs fuhren ohne Unterbrechung vor und brachten ihre Opfer herbei. Sowie die Insassen ausgestiegen waren, fuhren die Autos sofort wieder weiter, um neues "Material" heranzuschaffen.

In einem Kellerraum der Lubjarika wurden wir wkder durchsucht. Das war die dritte Leibesvisitation, und die wurde mit aller Gründlichkeit durchgeführt. Sogar ein kleines Foto meines Kindes wurde mir abgenommen, zerrissen und in eine Ecke geworfen, wo auf einem Haufen allerhand Kleinigkeiten lagen. Keiner von den Häftlingen sagte etwas, alle standen wie erstarrt vor Entsetzen und jeder wartete, bis die Reihe an ihn kam. Die Durchsuchung wurde von acht bis zehn Mann erledigt. Alle waren in Uniform der NKWD und im Unteroffiziersrang. Diese Leute nach dem Grund unserer Verhaftung zu fragen, wäre dumm gewesen. Das waren lediglich ausführende Automaten, und sie waren vor allen Dingen dazu bestimmt, uns äußerlich in Verbrecher zu verwandeln.

Nach der Durchsuchung wurden wir durch einen langen und gut beleuchteten Flur geführt. Zu beiden Seiten befanden sich schwere Eisen , türen. Eine Tür nach der anderen wurde geöffnet, und wir wurden in kleinen Räumen mit niedrigen. Decken untergebracht. Diese Räume sind schrecklich überfüllt, die Luft ist widerlich and die Menschen leiden von der ersten Minute an entsetzlicher Atemnot. Keiner spricht mit dem anderen, alle lassen die Köpfe hängen, und es scheint, daß sie über etwas schwer nachdenken. Hin und wieder hört man nur eine Frage: "Welcher Nationalität gehören Sie an?" Die Antworten sind verschiedenartig und kurz: Ich bin Russe, Litauer, Jude, Deutscher, Ungar und so weiter. Die Tür der Zelle wird recht oft geöffnet. Irgend jemand wird herausgerufen, irgend jemand kommt wieder herein. Ungefähr nach einer Stunde hörte ich auch meinen Namen. Einige Häftlinge und ich wurden in den Hof geführt, wo zahlreiche geschlossene Lastwagen standen. Sie tragen einen dunkelgrauen Anstrich und werden in der UdSSR "Gefängnis auf Rädern" oder "schwarze Raben" genannt. Die Türen dieser Lastwagen sind geöffnet, neben ihnen steht ein leichtes MG und ein großer Schäferhund. Der Hof wimmelt von NKWDSoldaten, die mit Pistolen und Gewehren bewaffnet sind. Kurzum — eine Skherung, wie man sie nur gegen gefährliche Gangster anwendet Unbegreiflich und schrecklich Ich mußte nwillkürlich lächeln, ich war nun wirklich kein Verbrecher und hatte den Eindruck, daß auch meine Genossen harmlose Menschen waren. Wozu also die ganze kostspielige und gefährliche Inszenierung.