Noch immer leben Deutsche unter polnischer Herrschaft. Es mögen im ganzen 130 000 sein. Ihre Not ist aus vielen erschütternden Briefen, aus eingehenden Berichten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz längst bekanntgeworden. Nachdem Millionen von Deutschen aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße vertrieben, wurden, handelt es sich für den Rest der Zurückgebliebenen, der zum Teil ins Innere Polens Verschleppten, nicht mehr um Vertreibung, sondern nur noch um Befreiung.

In mühseliger Arbeit ist es dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Gemeinschaft mit den deutschen Rotkreuzverbänden gelungen, Statistiken aufzustellen. So weiß man, daß etwa 24 000 dieser Deutschen Angehörige in der britischen Zone haben, die in der Lage sind, sie ohne Inanspruchnahme zusätzlichen Wohnraums bei sich aufzunehmen. Bei anderen Gruppen liegen die Verhältnisse schwieriger. Aber diese 24 000 wenigstens sind seit geraumer Zeit statistisch "erfaßt". Von jedem einzelnen kennt man die Personalien, die Adresse im Osten, die Adresse der Angehörigen in der britischen Zone. Polen ist bereit, sie nach dem Westen zu entlassen, für Transportzüge und Transportverpflegung zu sorgen. Die deutschen Behörden in den einzelnen Ländern haben alle. Bedenken zurückgestellt und in schöner Einmütigkeit ihre Zustimmung gegeben. Längst könnten diese 24 000 Menschen mit ihren Angehörigen in Deutschland wiedervereinigt sein.

Aber es gibt da einen britischen Military Permit Officer in Warschau. Dieser korrekte Beamte verlangte zunächst in jedem Einzelfall drei Photographien neuesten Datums in bestimmter Größe mit dem Stempel einer polnischen Behörde; gültige Ausweispapiere, Ausfüllung mehrerer Fragebogen. Nun ja, wir kennen das. Aber die Gebote der Bürokratie waren für diese bedauernswerten Menschen völlig unerfüllbar. Der weltfremde Permit Officer erhielt die verlangten Unterlagen nur in ganz vereinzelten Fällen. Neue Verhandlungen. Schließlich einigte man sich mit der Militärregierung auf Sammeltransporte zu je tausend Personen und entsprechende Sammelgenehmigung. Man hoffte bei den deutschen Stellen, nun sei es endlich soweit. Aber noch immer ist kein solcher Sammeltransport abgegangen. Denn neuerdings wird an höchster britischer Stelle die Meinung vertreten, eine solche Aktion solle bis nach Bildung einer westdeutschen Regierung zurückgestellt werden.

Was, so muß gefragt werden, hat diese Sache mit der Bildung einer westdeutschen Regierung zu schaffen? Hier handelt es sich um dringend notwendige menschliche Hilfe, nicht um Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern. Hier darf einfach nicht länger gezögert werden. Geht weitere Zeit verloren, so hätte das zur Folge, daß der Winter früher beginnt als die Transporte. Da Massentransporte während der Wintermonate nicht durchgeführt werden können, hieße das: Warten bis zum nächsten Frühjahr. Für 24 000 Menschen noch ein Winter in Lagern unter hinlänglich bekannten Bedingungen! Kann irgend jemand hierfür die Verantwortung übernehmen? Kann irgend etwas hier wichtiger sein als das so oft zitierte, so selten befolgte Gebot einfacher Menschlichkeit? Noch ist es Zeit. Die britische Militärregierung braucht nur das Signal zu geben.

Fr.