In Erwartung der Eisenfreigabe

Maßgebende Kreise der westdeutschen Eisen- und Stahlindustrie rechnen damit, daß in allernächster Zeit das Zweimächtekontrollamt seine Genehmigung zu der kürzlich von der VfW beantragten Aufhebung der Eisenbewirtschaftung erteilen wird. Dabei dürfte allerdings nicht mit einer en-bloc-Freigabe zu rechnen sein, sondern Vorerst nur in den gängigsten Sorten, wie in Baueisen und u. a. Röhren. Daß Hand in Hand mit der kontingentsmäßigen Freigabe auch eine Auflockerung der Preisbestimmungen kommt, wird vom Erzeuger als Selbstverständlichkeit angesehen; der Verbraucher müßte es wohl als "sinnvolle Ergänzung" akzeptieren.

Man muß zugeben, daß eine Eisenfreigabe bereits jetzt – ein Jahr nach dem Beginn eines echten und auf breiter Grundlage erfolgenden Wiederaufbaues in Deutschland – überrascht. Wenn man an den Kapazitätsstreit mit den Alliierten denkt, erscheint er in mancher Hinsicht sogar widerspruchsvoll. Wir erreichen noch nicht einmal 800 000 t Monatsdurchschnitt weder in Roheisen- noch in Stahlblockerzeugung, haben dabei eine Mengenbegrenzung auf 11,1 Mill. t jährlich für die drei Westzonen und vertreten den Standpunkt, daß diese noch um einige Millionen Tonnen höher liegen müßte – und doch will man den Markt "schon" freigeben, weil wesentliche Engpässe verschwunden sind. Gewiß liegt in dieser Situation eine schwer auf einen Nenner zu bringende Pointierung. Aber man hat jetzt auch bei dem Zweimächtekontrollamt eingesehen, daß die langfristig vorausberechneten Eisenverplanungen nicht der Marktlage gerecht werden und statt einer "gerechten" Verteilung nur eine Verengung bringen. Denn diejenigen, die Kontingente haben, haben kein Geld und die, die Geld haben, haben keine Kontingente. Jedenfalls ist dies in sehr vielen Fällen so; ein Beweis wieder dafür, wie sinnlos eine "sinnvolle Planung" werden, kann.

Es kommt noch etwas anderes hinzu. Wenn wir trotz unserer gegenwärtigen kaum veränderbaren Produktionsmenge von 750 000 bis 800 000 t doch 1,2 bis 1,3 Mill. t monatlich fordern, so liegt hier eine ebenso langfristige wie optimistische Beurteilung der Entwicklung zugrunde. Die deutsche Eisenindustrie vertritt den Standpunkt, daß wir schon jetzt "jede Menge verkraften" könnten, mit Sicherheit aber in der Zukunft, da die Marktsituation, vor der wir im Augenblick stehen, keine Langlebigkeit besitzen wird. Wir müssen uns innerlich und produktionell schon frühzeitig darauf einstellen, daß der Eisen- und Stahlhunger Ost- und Südosteuropas über kurz oder lang in den deutschen Werken seine Deckung suchen wird, nicht nur, weil uns die beste Marktkenntnis über diese Länder verblieben ist. sondern weil auch von dorther Absatzwünsche für deren Exporte nach Gesamtdeutschland angemeldet werden und zur Realisierung drängen. Dabei ist auch noch an den großen Eisen- und Stahlbedarf der deutschen Provinzen und Länder hinter dem Eisernen Vorhang zu denken, ganz abgesehen von den Milliarden-Investitionen, die in den drei Westzonen jetzt allmählich in die Verwirklichung zu treten beginnen.

Sind das die Gründe zur Kapazitätserweiterung, so sind sie nicht zugleich Gegengründe zur Eisenfreigabe, weil das Tempo dieser optimistisch gesehenen Entwicklung infolge der tropfenweisen Kapitalgestellung auf der innerdeutschen Verbraucherseite und der vielleicht nur tröpfchenweise aufhellende Osthimmel nicht zu einer Überanstrengung oder Marktverwirrung führen dürfte.

Man kommt auch noch aus einer weiteren Überlegung zu einer Bejahung der Eisenfreigabe. Vor einigen Wochen hat Frankfurt bekanntgegeben, daß es die Kredite an die Stahlindustrie erheblich kürzen muß. Von den angesetzten 240 Mill. DM bei einem Bedarf von rund 2 Mrd. DM wurden als erste Rate 70. Mill. DM gebraucht und in Aussicht gestellt. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau kann aber vorerst nur 35 Mill. DM flüssigmachen. Mit derartig geringen Beträgen können jedoch nicht einmal die dringlichsten Reparaturen und Investitionen vorgenommen werden, um die Erzeugungshöhe zu halten, geschweige denn zu steigern. Die Eisenwirtschaft sieht daher mehr und mehr ein, daß sie auch wieder einmal in die Lage versetzt werden muß, neben einer Verzinsung ihrer Fremdkapitalien Selbstfinanzierung zu betreiben. Die Reichsbahnanleihe hat gerade vor einigen Wochen gezeigt, daß für Fremdkapital nicht nur die Titel attraktiv gestaltet werden müssen, sondern der Gläubiger auch gut sein muß. Bei der westdeutschen Eisenindustrie kommt noch ein Drittes hinzu: die entflochtenen neuen Werke müßten in ihrer Kostenrechnung und in ihrer Kapitalbilanz die Besitzrechte der eigentlichen Eigentümer in rechtlich einwandfreier und materiell ansprechender Form "drinnen" lassen.

In diesem Zusammenhang darf vielleicht einmal etwas zu dem immer noch nicht an seine Arbeit herangelassenen Stahltreuhänderkollegium gesagt werden. Aus mancherlei Gesprächen, die wir in letzter Zeit mit einzelnen Mitgliedern dieses deutschen Stahlrates geführt haben, gewann man den Eindruck, daß dieser wenig homogen zusammengesetzte Kreis doch seine Aufgaben als Gemeinschaftsarbeit lösen will, wobei trennende Fragen hintenan gesetzt werden sollen. Man ist sich überall gleichermaßen über die außerordentliche Wichtigkeit der zur Lösung drängenden all-round-Probleme bewußt und wir meinen, daß die Öffentlichkeit jetzt die Kritik zurückstellen sollte und dem Stahlrat eine Arbeitschance geben muß.

Zu den großen Arbeitsbereichen des Stahlrates wird die Neukapitalisierung der Eisen- und Stahlindustrie gehören, um die bei 800 000 t Monatsleistung fast voll ausgeschöpften betriebsbereiten Anlagen zu ergänzen und zu erweitern. Neben diese innerdeutsche Aufgabe tritt auch eine internationale. Schneller und nachdrücklicher als erwartet drängen unsere Nachbarn auf kartellmäßige Absprachen mit der deutschen Stahlindustrie. Ausgehend von einem Verkaufskartell Belgiens und Luxemburgs hat sich nun auch Frankreich dieser Entwicklung angeschlossen und gehört heute zu den eindringlichsten Rufern nach einer Eisenkonvention mit Deutschland. Wenn beiderseits der deutschen Westgrenze gleichzeitig nach einer Europäisierung der Stahlindustrie gerufen wird – Ministerpräsident Arnold in Form einer Art "Idealisierung des Ruhrstatuts", indem er einen Zweckverband Lothringen – Lüttich – Hamm schaffen will, Frankreich, indem es nach einem Westeuropa-Kartell, einer reformierten Internationalen Rohstahlgemeinschaft, Ausschau hält –, dann werden die Wege dazu in mehr oder weniger abgewandelter Form doch bald gefunden und abgetastet werden können. Die französische Eisenwirtschaft glaubt eine Absprache in einer einem Produktionskartell ähnlichen Form finden zu sollen, während deutscherseits dies nur unter gewissen Voraussetzungen als tragbar angesehen werden kann, während eine Art Absatzkartell, also eine Marktaufteilung bei parallel laufenden in gewissen Grenzen variierenden Preisabreden, wohl diskussionsreif ist.

In Erwartung der Eisenfreigabe

Wir müssen hoffen, daß man jenseits der deutschen Grenze für diese deutsche Stellungnahme Verständnis finden wird. Bei der uns diktierten Begrenzung der Produktion auf 11,1 Mill. t würde eine Stahlkonvention als Produktionskartell nicht nur für uns jede Elastizität vermissen lassen, sondern zusätzlich hemmend wirken und hätte damit Sinn und Reiz verloren. Anders lägen die Verhältnisse bei einem auf .6 oder 17 Mill. t erhöhten Limit.

Eine innerdeutsche Bewirtschaftungsfreigabegabe ist naturgemäß eine Vorbedingung für internationale Absprache. In gewissem Sinne gilt dies auch für eine Art Preisfreigabe. Die innerdeutschen Preise sind auch heute noch in fast allen Sorten wesentlich niedriger als die Auslandspreise. Die jeweiligen Exportpreise – so reizvoll eine Gegenüberstellung wäre – lassen sich kaum vergleichen, da teils Dumping, teils Vertragspreise kein zuverlässiges Gesamtbild ergeben. In Stabstahl ist der deutsche Preis 212,50 DM je t, in Frankreich und England liegt er leicht unter 300, in Belgien und den USA zwischen 240 und 250 DM. In Formstahl nennt Deutschland 209 DM je t, Frankreich und England rund 260, Belgien und USA 230 bis 240 DM. In Mittelblechen verlangt England 320 DM je t gegen 265 DM deutscher Inlandspreis, in Bandstahl 304 gegen 264 und in Feinblechen ist fast ein Ausgleich erreicht bei 397 in England und 391 DM je t in Deutschland. Die deutschen Exportpreise werden von der JEIA unter jeweiliger Berücksichtigung der Konkurrenten festgesetzt und sind daher unbestimmbar. Rlt.