Der gegenwärtige Saison-Schluß-Verkauf ist kein gewöhnlicher Ausverkauf. Er ist ein historisches Ereignis. Er verkündet zum erstenmal nach zehn Jahren mit Getöse und Gedränge und allen Zeichen eines Volksfestes, daß seine Majestät, der Kunde – wirklich wieder erstanden ist. Und die Ware entfaltet – Wunder über Wunder – wieder ihre schönste Eigenschaft: dem Käufer nachzulaufen.

Ein Experte hat einst den Sommersaison-Schlußverkauf den "Jahrmarkt der Unterwäsche" genannt. Der Mann hat unrecht, die Oberkleidung rangiert vor den Dessous. Groß ist die menschliche Sehnsucht, sich "auf neu" zu machen. Bezeichnend ist jenes nicht erfundene, sondern vom Leiter eines Warenhauses verbürgte Beispiel von einem Ehepaar, das dieser Tage auszog, um sich im Ausverkauf ein Schlafzimmer zu kaufen. Die "Heimchen am Herd"-Sehnsucht – einst eine große Gabe der Frau – ist nicht mehr, wie dieses Beispiel beweist. Das Schlafzimmer sollte 998 D-Mark kosten und: man hatte das Geld in der Tasche. Und was kaufte das Paar nach langen Beratungen angesichts des freundlich grinsenden Schlafzimmers: einen Pelzmantel für die Frau, einen Mantel für den Mann, zwei Kleider für die Frau, einen Anzug für den Mann und ein paar Kleinigkeiten für den Haushalt. Die Fachleute sagen, das sei typisch.

Da schaukelt an einem hübschen Wollkleid ein kleiner Preiszettel und verzeichnet die Preis-Odyssee dieser Zeit. Ursprünglich ausgezeichnet war es mit 49 D-Mark. Die erste Herabsetzung erfolgte auf 39, die zweite auf 29 D-Mark. Jetzt hängt es mit 18,75 D-Mark bewertet im Ausverkauf. Nein, nicht für 19 D-Mark soll es abgesetzt werden, sondern für 18,75, weil eben Ausverkauf ist. Im Ausverkauf macht nichts so mißtrauisch wie die runde Zahl. Der Bruchteil einer Mark ist die geheimnisvolle Formel, welche zieht. Der Bruchteil lullt ein. 9,95 ist etwas Verführerisches, 10 D-Mark aber ist eine barbarische Zahl, der die Absicht, zu übervorteilen, sozusagen an der Stirn geschrieben steht.

Früher waren die Ausverkäufe die große Parade der "Ladenhüter". Aber das kann nicht mehr stammen. Denn welche geheimnisvolle Macht der Welt kann einen schmucken Büstenhalter plötzlich zum "Ladenhüter" stempeln, der nur noch 35 D-Pfennige kostet? Und für 1,25 D-Mark sah ich ein derartiges Kleidungsstück in einem Prunk, wie er sich als Mittelpunkt einer Entkleidungsrevue eignen würde. Auch habe ich nie geahnt, daß ich in einen solchen Jahrmarkt von Unterröcken geraten könnte wie gestern in den nüchternen Räumen eines Warenhauses,

Dieser Ausverkauf ist eine Art Volksfest, wofür bei den Sparkassen und Banken von vielen Leuten extra Beträge abgehoben, wurden. "Bargeld lacht" – "Alle Mann an Deck" – "Es geht um das blaue Band der größten Preiswürdigkeit" sind einige der Parolen.

Auch einen Bücherstand sah ich in der Arena des großen Ausverkaufs in einem Warenhaus. Er lag abseits da, wie eine unentdeckte Insel. "Und wie gehen Bücher?", fragte ich den Leiter dieses Warenhauses. Er sah mich entsetzt an, als hätte ich ihn an einen schlimmen Fehltritt in seiner Familie erinnert. "Bücher liegen wie Blei", entgegnete er. "Nicht einmal die Warenhausdiebe haben mit ihnen Erbarmen!"

"Erst was anzuziehen" ist das Motto. Schon Geschirr geht schlechter. Das Hemd ist den Käufern näher als die Tasse auf dem Tisch. – us.