Dieser Masse Titel mit seiner abgebrauchten und daher zu niemandem mehr sprechenden Wortkoppelung deckt eine originelle und überaus konzentrierte Arbeit. Der Verfasser des im Hermann-Laatzen-Verlag, Hamburg, erschienenen Buches, Kurt Dingelstedts wirkt seit Jahren am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, wo er sich nicht nur der Vergangenheit, sondern auch den Fragen der Gegenwart verantwortungsbewußt gewidmet hat Aus der heutigen schwierigen und unklaren Situation heraus gibt er auf diesen 50 Seiten einen in aller Knappheit klaren Überblick über die Handwerkstheorien, sowie über die Stellung des Handwerks zu den Künsten und zum "Leben" im 19. Jahrhundert. Denn die Stileinheit des bildkünstlerischen und handwerklichen Schaffens wurde von dem Augenblick an, wo man sie nicht mehr besaß, ein Gegenstand des Nachdenkens.

Es beginnt schon im 18. Jahrhundert mit Justus Moser (in den "Patriotischen Phantasien"). Das geistige Feld erweitert sich dann bei Goethe, da er "den Begriff der Kunst in ständiger latenter oder offener Beziehung hinter oder neben dem Handwerk" sieht, für welches er die schöne Bezeichnung der "strengen" Kunst, im Gegensatz zur "freien", findet. – Der Historismus, der sich im letzten Drittel des Jahrhunderts zu einer kalten, geist- und phantasieverlassenen Nachahmung alter Stilformen auswuchs, war in seinen romantischen Anfängen voll schöner menschlicher Einsichten und Hoffnungen. Eine Darstellung dieser Anfange gibt Adalbert Stifter in seinem "Nachsommer". Hier sind die Bemühungen um das schöne Handwerk als ganz konstruktiv, als Liebe und Ehrfurcht geschildert, wenn in einer breit ausgeführten Nebenbehandlung der Meister mit seinen Adepten sich bemüht, "selbständige Gegenstände für die jetzige Zeit zu verfertigen, mit den Spuren des Lernens an der vergangenen Zeit."

Den Mittelpunkt des Jahrhunderts bildet der große Baumeister Gottfried Semper, dessen Bedeutung als Kunsttheoretiker und systematischer Denker eigentlich erst neuerdings erkannt wird. Umkleidet er den Kern seiner genial konzipierten Bauwerke auch mit Formen, die der Renaissance entnommen sind (darin war er eben zwangsläufig der Zeit und ihrer Stilphase verhaftet), so war er als Denker völlig unabhängig und originell, was Dingelstedt in geschickt gewählten Zitaten aus seinem umfangreichen Werk klar werden läßt. Wie denn überhaupt Dingelstedts Kunst des Zitierens unterstrichen werden muß, die auch bei den andern behandelten Männern und Werken in aller Kürze Wesentliches heranzieht; so bei den Engländern Ruskin und Morris, die nun, der eine programmatisch, der andere praktisch, zusammen mit der präraffaelitischen Bewegung bedeutungsvoll wurden. Denn diese englische Reaktion gegen einen absterbenden Klassizismus und die tapezierermäßige Formenverweichlichung der Viktorianischen Epoche hatte ungemein befruchtende Wirkungen auf dem Kontinent.

Doch ehe es dazu kam, war speziell in Deutschland der Historismus in jene üppige Endphase getreten, in welcher die deutsche Pseudorenaissance der 80er Jahre sich entfaltete, genährt von nationalistischem Ehrgeiz, dem Prunkbedürfnis neuen Reichtums und dumpf-bürgerlichem Gemütlichkeitsstreben. Hier erscheint nun Henry van de Velde, der Belgier, der aber seinen Wirkungskreis schon früh nach Deutschland verlegt, wo er zusammen mit den gleichstehenden jungen Münchener Kräften die vom kunsthandwerklichen Gegenstand ausgehende Stilumwälzung durchführt. Van de Velde ist ohne Spur von Romantik, ein ganz klarer, eminent moderner und logischer Geiste Er klärt als erster das Verhältnis von handwerklichem und industriellem Produkt, und weist beiden die richtige Stelle zu, wobei er im Gegensatz zu den Engländern, die in Don Quichotte-hafter Haltung der Maschine den Krieg erklärt hatten, diese durchaus bejaht, und nur die Menschen beschuldigt, daß sie sich ihrer nicht in der richtigen Weise zu bedienen wüßten, indem sie von ihr billige Imitation der Handarbeit verlangten.

In der Arbeit des "Deutschen Werkbunds" werden die Ergebnisse der Umwälzung von 1900 dann in die Bahnen einer ruhigen Entwicklung gelenkt, bis nach dem ersten Weltkrieg noch eine zweite Peripetie der Stilentwicklung eintritt durch das Weimarer Bauhaus, dessen Lenker und Sprecher Walter Gropius ist. Hier drückt sich praktisch und theoretisch ein Radikalismus aus, der – bezüglich des Handwerks über das Ziel hinausschießend – zu einem klaren Ausdruck des technischen Zeitalters geworden ist. – Nur eine lange denkerische Beschäftigung mit den vielseitigen Problemen und große Vertrautheit mit den geschichtlichen Vorgängen ermöglichen an so konzentriertes Resumé, wie es Dingelstedt hier vorgelegt hat. F. A.-H.