Kleines Olympia in Stockholm

In 800 Hotels, in Schulen und Baracken Stockholms scheint die babylonische Sprachverwirrung ausgebrochen zu sein. Über 14 000 Menschen aus 55 verschiedenen Ländern versuchen, sich auf friedliche Weise zu verständigen. Das wird ihnen nicht schwer fallen, da sie alle derselbe Anlaß in Schwedens Hauptstadt geführt hat –: die Lingiade, ein sportliches Fest, das einer kleinen Olympiade nahe kommt. Vor zehn Jahren, als man den hundertsten Todestag Per Hendrik Lings, des Begründers der schwedischen Gymnastik, feierte, wurde die Lingiade zum erstenmal veranstaltet. Ling war Fechtlehrer an der Universität Lund und erteilte gleichzeitig Gymnastikunterricht, bis er zum Direktor des Zentralinstituts für Gymnastik aufstieg. Gleich dem deutschen Turnvater Jahn sah er in den Leibesübungen ein Mittel der Erziehung und eine Gewähr für die Harmonie zwischen Körper und Seele.

Heute ist die Jugend der Welt sportfreudiger als vor hundert Jahren –, und nicht nur die Jugend, denn bei den 116 Mannschaften, die an den Wettkämpfen in Stockholm teilnehmen, befinden sich auch "ältere Semester", die noch beachtliche turnerische Leistungen an Schwebebäumen, Sprossenwänden und Sprungkästen neigen. Die Wettkämpfe wollen weniger eine sportliche Auslese sein als vielmehr ein Beweis für die körperliche Ertüchtigung der breiten Masse –: in dem neu errichteten Freiluftstadion führen auch 5000 schwedische Hausfrauen ein großes Schauturnen durch.

In den Straßen der Stadt – abends sind sie milde von der Mitternachtssonne beleuchtet – flanieren Brasilianer, Inder, Franzosen und Finnen einträchtig mit den Schweden einher. Stockholm sonnt sich für zwei Wochen in internationalem Fleir. Damit das eigene Land dabei nicht zu kurz kommt, führen Mädchen in ländlichen Trachten den "Lingiadisten" hoch über den Schären im Freilichtmuseum "Skansen" bei Klängen alter schwedischer Weisen Volkstänze vor. Die Atmosphäre ist festlich und friedlich zugleich – ein Turnfest im kühlen Norden, das für die völkerverbindenden Gedanken von Frieden und Freiheit wirbt.

Doch es wird nicht nur geturnt. Vom 1. bis 6. August schließt sich der Weltkongreß für körperliche Ertüchtigung an. Man diskutiert erzieherische, ärztliche und gesellschaftliche Fragen, wie sie sich heute in allen, auch den vom Krieg verschonten Ländern, ergeben. Da anschließend bis zum 13. August in der Malma-Heide, südlich von Stockholm, ein internationales Gymnastiklager stattfinden wird, werden die Teilnehmer des Kongresses die Ergebnisse ihrer Debatten in der Praxis beobachten können. Obwohl schwedische Sportler die ersten waren, die nach dem Kriege trotz Verbots ihrer Verbände nach Deutschland kamen, fehlten die Deutschen auch auf dieser kleinen Olympiade. Alfred Thoss