Was in unserer antihumanistischen Welt der Humanismus und der humanistische Goethe noch bedeutet – darüber sprach der Pädagoge der Universität Hamburg, Professor Wilhelm Flitner, in einem Vortrag, den er vor der Joachim-Jungius-Gesellschaft hielt. Reicht es – inmitten einer auseinandergebrochenen Welt – noch aus, ein Humanist zu sein? Oder ist es gar ein frevelhafter Übermut jahrhundertealter Selbstüberschätzung des Menschen, sich als "Humanist" zu fühlen? – Flitner stellte die Lebensanschauung Goethes als eine humanistische dar; er zeigte sie in ihrer Auffassung von der Geschichte, dem Menschen und seinen sozialen und ethischen der selber aus einem echten humanistischen Weltbild kommend (und das heißt nicht zuletzt tiefe Achtung haben vor der geistigen Leistung des anderen), die Synthese sucht zwischen jener weit-, offenen geistigen Meisterung des Lebens eines Goethe und der Zerrissenheit des modernen Menschen. Zur Interpretation benutzte er hauptsächlich Strophen aus dem "Westöstlichen Divan", die vor allem über das Menschenbild Goethes so beredt Auskunft geben. Man sieht, daß auch der Dichter die dämonischen Abgründe des Menschen sah, daß er es aber gleichzeitig nicht für eine menschliche oder dichterische Aufgabe hielt, sich um diesen dämonischen Bereich zu kümmern. Aber ob solche Haltung heute, da das Dämonische aus dem Untergrund aufgetaucht ist und die Alltagswelt füllt, noch möglich ist? Vielleicht war sie nur möglich für Goethe, dessen Grundbefindlichkeit Flitner als die der "universalen Gesundheit" aufzeigte (wobei er sich deutlich gegen die auf das Gegenteil zielende Goethe-Deutung Thomas Manns in dessen Roman "Lotte in Weimar" absetzte). Vielleicht bedarf es, ehe wir "humanistisch" werden (und wir müssen es wieder werden, wenn nicht alle geistige Kommunikation verlorengehen soll), der Gesundung jedes einzelnen? Und zu dieser Gesundung trägt sicher auch das Goethe-Jahr bei, von dem Flitner sagte, daß es. aus einem Jahr der Feiern für Goethe schon längst ein Jahr der geistigen Auseinandersetzung mit ihm geworden ist. P. H.