Für das am 1. Juli angelaufene zweite Marshall-Plan-Jahr sind kaum mehr als 3,7 Milliarden Dollar zu erwarten, während Truman 4,35 und die europäische Marshall-Plan-Organisation, die OEEC, 4,8 Milliarden Dollar vorgeschlagen hatten. Von diesem geschrumpften Kuchen möchte Großbritannien ein weit größeres Stück abschneiden, als die ursprünglich angemeldeten 1,1 Milliarden, nämlich 1,5 Milliarden. Mit diesen Wünschen verlange Großbritannien, wie "Le Monde" bitter kommentiert, daß das kontinentale Europa für die Irrtümer der britischen Regierung zahle. Auch andere Länder erwarten ein größeres Stück, so Westdeutschland, weil es für die A-Einfuhren an Getreide statt 540 Millionen Dollar höchstens.476 Millionen Dollar erwarten kann.

Die Kürzungen gehen über das durch den Preisfall bedingte Ausmaß hinaus. Europa kann also künftig in Dollargebieten weniger kaufen, Rohstoffe und Lebensmittel werden knapper werden. Großbritannien rechnet damit, daß es infolge Rohstoffknappheit die Produktion einschränken muß. Zwei Auswege wären für die europäischen Länder möglich. Sie könnten die Ausfuhr nach den Dollargebieten forcieren und damit die fehlenden Dollar beschaffen. Aber der konjunkturelle Abschwung in den USA und die immer stärker werdenden protektionistischen Tendenzen lassen hier nicht viel Hoffnung. Der zweite Weg wäre der Einkauf der bisher von Amerika bezogenen Waren in anderen Ländern. Durch diese Politik würde der internationale Handel sich immer mehr von dem Grundsatz entfernen, dort zu kaufen, wo die Waren am billigsten sind.

Die Regierung Truman und die – Marshall-Plan-Verwaltung wenden sich deswegen mit aller Entschiedenheit gegen die von den Bewilligungsausschüssen vorgeschlagenen Kürzungen. Im Kongreß jedoch scheint die Opposition sich durchzusetzen. Sie erklärt, den amerikanischen Steuerzahlern könne eine so große Last nicht mehr zugemutet werden Wenn Gelder ausgegeben würden, dann müsse es für konjunkcurwirtschaftlich vernünftigere Zwecke geschehen, so für den Bau von Straßen und Kraftwerken sowie für noch nicht erschlossene Gebiete, Unverantwortlich sei-es, Steuergelder für die Ausfuhr von Autoscheibenwischern, Thermometern, Augengläsern, getrockneten Früchten, Rizinusöl oder gar für sozialistische Experimente auszugeben. Wenn die Vereinigten Staaten Dollars zur Verfügung stellten, dann könnten sie erwarten, daß Europa den Kurs auf einen freien Devisenverkehr, einen freien Güteraustausch, eine Beseitigung der Zollgrenzen und die Schaffung einer Europawirtschaft richte. An diesen Argumenten werden die 19 europäischen Länder nicht vorbeigehen können, wenn sie sich wieder über die Aufteilung der Marshall-Gelder einigen müssen. Sollten sie dabei feststellen, daß die Schrumpfung des Kuchens einen Ausbau der innereuropäischen Wirtschaftsbeziehungen notwendig macht, könnte das sogar ein Vorteil sein.

W. G.