Das zur Vereinfachung des internationalen Güterverkehrs von den Verwaltungen der europäischen Eisenbahnen aufgebaute Verbandstarifnetz ist infolge des Krieges im Hinblick auf den Verkehr mit Deutschland zerrissen worden. Bei der zentralen Lage Deutschlands machte sich dies nach dem Kriege besonders unangenehm bemerkbar, denn es wurden 62 Verbandstarife davon betroffen. Hiervon hatte Deutschland 34 Tarife im Wechselverkehr mit anderen Ländern abgeschlossen, wovon allein zehn Kohlenlieferungen betrafen. Weiterhin war Deutschland an 28 Verbandstarifen für seinen Durchfuhrverkehr beteiligt.

Auf Grund der Verbandstarife können die Güter von allen Bahnhöfen eines Landes unmittelbar zu allen Bahnhöfen des Partnerlandes aufgegeben werden, wobei die Fracht in einer Summe festgestellt wird. Der Frachtbetrag kann entweder bei der Aufgabe bezahlt oder bei der Ablieferung nachgenommen werden. Die Verrechnung der einzelnen Frachtanteile erfolgt zwischen den beteiligten Eisenbahnverwaltungen. Für den internationalen Handel sind die Verbandstarife nicht nur wegen der Vereinfachung und Verbilligung von größter Bedeutung. Verbandstarife ermöglichen vor allem klare Preisangebote und -vergleiche bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Fracht.

Der Wiederaufbau des Verbandstarifnetzes geht augenblicklich wesentlich schneller vor sich als nach dem ersten Weltkriege. Damals wurde der erste Tarif erst nach sieben Jahren abgeschlossen. Dieses Mal war Deutschland am ersten Verbandstarif bereits nach drei Jahren beteiligt, und etwa ein Jahr später konnte der erste Verbandstarif im Wechselverkehr abgeschlossen werden. Für den Durchfuhrverkehr ist Westdeutschland hauptsächlich an Verbandstarifen mit der Schweiz beteiligt. Bereits im Frühjahr 1948 wurde unter Mitwirkung von Deutschland und Österreich der Tschechoslowakisch-Jugoslawische Verbandstarif abgeschlossen, der seine Auswirkungen noch im osteuropäischen Raum hat Mit dem 1. August traten unter deutscher Mitwirkung drei weitere Verbandstarife in Kraft! der Ungarisch-Schweizerische, der Österreichisch-Schweizerische und der Jugoslawisch-Schweizerische Tarif. An diesen drei Tarifen hat Deutschland mit sehr unterschiedlichen Verkehren einen Anteil. Im Laufe der letzten Monate sind außerdem zwischen der Schweiz einerseits und zwischen Belgien und Holland anderseits Vereinbarungen ähnlicher Art über den Verkehr dieser Länder über die rechtsrheinischen deutschen Strecken abgeschlossen worden. Die früheren Verbandsform zwischen diesen beiden Ländern können allerdings erst wieder in Kraft treten, wenn eine Vereinbarung mit Frankreich möglich ist, dessen linksrheinische Strecken mit den deutschen rechtsrheinischen Strecken im Wettbewerb liegen.

Ein für Deutschland besonders wichtiger Tarif steht gegenwärtig mit dem Nordisch-Italienischen Verbandstarif in Verhandlung. Der hierdurch geregelte Verkehr geht mit mehr als 1000 km über deutsche Strecken. Gegenwärtig wird dieser Verkehr noch zum großen Teile per Schiff abgewickelt. Während früher ein beachtlicher Teil dieses Verkehrs über Rostock und Warnemünde, also über die Strecke der heute sowjetischen Zone ging, dürften an dem neuen Verbandstarif nur die Westzonen beteiligt sein, so daß einziger Übergangsort Padborg sein wird. Weiterhin bildet der Deutsch-Italienische Verbandstarif, der am 16. August in Kraft tritt, einen besonders wichtigen Fortschritt. Es handelt sich um den ersten Verbandstarif Deutschlands im Wechselverkehr. Zunächst ist der Tarif für Lebensmittel aufgestellt worden, jedoch sind in absehbarer Zeit weitere Tarife für Eisen und Stahl, Stahlwaren, Bier, Pflanzenfasern und Güter aller Art vorgesehen. Durch den Tarif wird der einseitige Verkehr über Österreich wieder stärker auf die Schweiz verlagert, wodurch vor allen Dingen die Transportzeiten nach West- und Norddeutschland wesentlich beschleunigt werden.

Im Laufe des nächsten Jahres wird mit dem Abschluß weiterer Verbandstarife Deutschlands im Wechselverkehr zu rechnen sein. Auf Grund des Beschlusses der Gütertarifkonferenz von Montreux werden Verhandlungen zwischen Deutschland und den übrigen europäischen Ländern über die Freiheit der Frachtzahlungen geführt. Diese dürften bis Ende des Jahres abgeschlossen sein und die Grundlage für den Abschluß weiterer Tarife bilden. Zunächst dürften Vereinbarungen mit Ungarn, der Tschechoslowakei, Belgien und Holland folgen. m.