Die Nachkriegserscheinung Interzonenhandel ist wieder einmal das Thema des Ost-West-Gesprächs. Eiligst stellt man Statistiken auf, in denen nachgewiesen wird, wieviel vor dem Krieg die heutigen Zonen sich untereinander geliefert haben. Doch können die jetzt errechneten Zahlen nur einen ungefähren Anhaltspunkt geben. Und nicht minder schwierig ist es, die fünfte Zone, die jetzt polnisch verwalteten Gebiete, in ihrem wirtschaftlichen Gewicht für den Ost-West-Verkehr einzuschätzen. In groben Umrissen ist jedoch zu sagen, daß damals die heutige Sowjetzone der Nahrungsmittellieferant der Westzonen war. Der Westen hatte dagegen (außer bei Braunkohle) in den Grundstoffen das Übergewicht und beiderseits des "Vorhangs" hatte man sich außerdem in Textilien und Maschinen spezialisiert, was zu einem lebhaften Austausch führte, den man als solchen gar nicht empfand. Die Warenbewegung Ost-West und West-Ost der Vorkriegszeit wird auf je 25 bis 28 Mill. t oder rund 4–6 Mrd. Mark veranschlagt.

Heute fehlt der freie Austausch. DM-West ist nicht DM-Ost. Man hat sich politisch und auch wirtschaftlich auseinandergelebt. Im Westen wird die Wirtschaft im System der sozialen Marktwirtschaft zunehmend freier und produktiver – ohne Hennecke, Im Osten wird die Planwirtschaft sowjetischer Prägung praktiziert, zusätzlich belastet durch Reparationen in Form von Entnahmen aus der industriellen Produktion. Sie stehen für 1946 mit mindestens 65 v. H. der Nettoerzeugung und für 1949 nach offiziellen Angaben mit rund 1375 Mill. Ostmark fest – berechnet nach den Stoppreisen von 1944 bei inzwischen eingetretenen Kostenerhöhungen um zumindest 50 v. H. Die fünf Landesregierungen müssen also darüber hinaus 700 Mill. Mark Subventionen (als versteckte Reparationen) den Industriebetrieben zahlen, die für die Sowjetunion beschäftigt sind. Hinzu kommen die Besatzungskosten (Uranbergbau, Armeelieferungen sowie Aufkäufe der sowjetischen Handels- und Aktiengesellschaften) und die De- und Remontagen. Alles in allem: mindestens 5,9 Mrd. Mark im Fiskaljahr 1947/48 und 4,9 Mrd. für 1948/49. Da ein hoher Prozentsatz der Produktion abfließt, ohne daß Gegenwerte hereinkommen, ist trotz des geringen Lebensstandards und der hohen Steuern in Mitteldeutschland das Gleichgewicht von Geld und Warenmengeständig gestört.

Wie soll nun die in Washington und Paris verabredete echte Wirtschaftseinheit Deutschland entstehen, wenn das umlaufende Geld nicht glichen Wert hat? Setzte man West- und Ostgeld gleich, dann flösse die latent "freie Kaufkraft" der Sowjetzone in die Westzonen. Die Folge waren hier steigende Preise, sinkende Kaufkraft und die Bezahlung sowjetischer Reparationen durch den Westen. Man wird, wenn man dies ablehnt, – und walcher Einsichtige lehnte dies nicht ab? – einen Weg finden müssen, der die Geldseite umgeht und die Güter dennoch zum Austausch kommen läßt. Mit anderen Worten: Man warte mit der Wirtschaftseinheit, bis eine gesamtdeutsche Souveränität wiedergegeben ist, und lasse imÜbergang keine Gelegenheit aus, eine enge wirtschaftliche Verflechtung (in Kontingenten) zu vollziehen,-die ihrerseits das politische Gespräch durch ihr Gewicht beeinflussen kann. Das letztere gäbe auch dem Westen Vorteile: im engen Sinn des Interzonenhandels und im weiten Sinn des Osthandels. Denn eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung wird den drei Zonen nur dann gelingen, wenn ihre natürlichen Märkte in Mitteldeutschland, in Ost- und Südosteuropa wieder erschlossen werden. Das Long-Term-Programm sieht diese Ausweitung vor.

Was aber nützen Wirtschaftspläne, auch von den Alliierten genehmigte, wenn in der Praxis der Interzonenhandel heute beinahe schwieriger ist, als etwa der Westzonen -japan-Handel? Man sitzt auf Wunsch der treibenden Kraft, der ostzonalen Deutschen Wirtschaftskomnission, bald in Berlin, bald in Frankfurt zusammen, diskutiert Vorschläge, die sich vorläufig in technischen Einzelheiten erschöpfen, unterbricht die Verhandlungen, weil man sich einmal nicht über die Mengen, ein andermal nicht über deren Zusammensetzung einig werden kann, versammelt sich wieder am grünen Tisch, um sich diesmal über die Verrechnung zu streiten oder über die Abrechnung der Dienstleistungen. Briefe werden gewechselt: Rau an Pünder. Pünder an Rau, die Leitartikler schreiben über das "eminent wichtige Problem" der Klärung der Interzonenhandelsfrage – und aus den großen Worten kristallisiert sich ein bescheidenes Clearing über ganze 170 Mill. DM (West)! Die Ostzone will dabei zu 80 v. H. Eisen, Stahl, Maschinenund Metallwaren beziehen und hauptsächlich Nahrungsmittel, Grubenhölzer sowie Textilien liefern, über deren Qualität im Westen nichts bekannt ist und man in den Besprechungen auch nichts erfährt. Dies Interzonenhandel zu nennen, ist vermessen.

Dabei braucht (wenigstens vorläufig) die Ostzone den Westen dringender als umgekehrt. Wie wäre sonst das graue Geschäft zu erklären, das die DWK offiziell verbietet, inoffiziell aber großzügig mit den nötigen Papieren versieht? Warum kauft die DWK auf den westzonalen Ex- undImportbörsen gegen Westmark und sogar gegen Vorkasse? Warum die ostzonale Kaffee- und Zigaretteninvasion in Berlin? Warum das Dumping in Schreibmaschinen oder Zucker? Doch nur, um zu Westmark zu kommen. Inoffiziell geht es also. soweit die DWK will.

Sobald es aber zum offiziellen Gespräch kommt, tritt sie kurz. Ihr Prestige gebietet nicht zuzugehen, daß ihr Geld weniger Wert hat als das Westgeld. Zudem muß sie auf festen Liefer- und Abnahmgarantien bestehen, denn die Lieferungen sollen in den Reparations- und Zweijahresplan passenund die "Exporte" ebenso. Frankfurt aber kann seiner freien Wirtschaft die Ostware nicht aufzwingen und folglich der DWK auch keine Abnahmegarantien bieten.

Es wird nun wohl zu einem Kompromiß über den innerdeutschen Ost-West-Handel kommen; aber es wird ein schlechter Kompromiß sein: der Austausch auf geringem Niveau, für – den der wird. "Interzonenhandel" kaum angebracht sein wird. Vielleicht sollte – auch auf die Gefahr hin. daß die Westen kurzfristig Einbußen erleidet – die Verwaltung in Frankfurt zurückhaltend sein. Sie wird später (denn Orlopp weise Maltzahn und nicht umgekehrt) verhandeln weise unter günstigeren Bedingungen verhandeln können. Bernd Weinstein