Wird es je wieder eine deutsche überseeische Passagierschiffahrt geben und werden wir selbst ihren Wiederaufbau noch erleben? Von offizieller Seite wird diese Frage totgeschwiegen. Man befürchtet den Zorn alliierter Kritik und den Vorwurf, daß wir unbescheiden unsere Hände schon wieder nach Dingen ausstrecken, auf die wir noch keineswegs wieder Anspruch hätten, zumal doch in dem vor einigen Monaten in Washington getroffenen Abkommen über die Wiederzulassung der deutschen Schiffahrt die Passagierfahrt erneut ausdrücklich ausgenommen worden ist.

Nach den Erklärungen der Besatzungsmächte haben alle Maßnahmen zur Beschränkung der deutschen Wirtschaft durch Demontage, durch Verbot gewisse Industrien und teilweise Begrenzung einzelner Wirtschaftszweige ihren Grund in dem Sicherheitsverlangen gegen etwaige deutsche Angriffshandlungen. Haben aber die deutschen Passagierdampfer im Krieg irgendeinen Anlaß gegeben, sie auf die gleiche Stufe mit der Munitionsfabrikation zu stellen und dementsprechend zu behandeln? Unseres Wissens ist nicht ein einziges deutsches Passagierschiff während des Krieges für unmittelbare, militärische Zwecke eingesetzt worden. Das galt für die "Europa" und "Bremen" ebenso wie für die Schiffe der "Hamburg-Klasse", oder "Cap Arcona" und "General Osorio", "St. Louis", und die "Patria", "Berlin" und die "Gneisenau". Sie fanden als Wohn- oder als Lazarettschiffe Verwendung. Selbst bei der Norwegen-Aktion waren Passagierdampfer auf deutscher Seite nicht beteiligt.

Dagegen sind sie vor dem Krieg vorbildliche Mittler im internationalen Verkehr gewesen. Hunderttausende von Ausländern sind mit ihnen nach Europa gekommen.

Auch ihre Bedeutung für die deutsche Volk (Wirtschaft beruhte lediglich auf friedlichen Zwecken. Sie schufen Arbeit für die deutschen Werften und die zahlreichen, mit ihnen verbundenen Industriezweige, sie gaben Tausenden von deutschen Seeleuten Beschäftigung, sie befruchteten viele Gewerbe im Hafen und auf dem Fremdenverkehrsgebiet, und schließlich leisteten sie einen namhaften Beitrag zum Ausgleich unserer internationalen Zahlungsbilanz.

Was könnte geschehen, wenn Deutschland wieder zur überseeischen Passagierschiffahrt zugelassen würde? Bei unserer geringen Werftkapazität würden wir kaum in der Lage sein, in absehbarer Zeit eine nennenswerte Passagierschiffsflotte aufzubauen oder gar mit den großen, englischen, amerikanischen und französischen Passagierdampfern in Konkurrent zu treten. Die Zeiten einer "Bremen" und "Europa" sind für uns endgültig vorbei. Wir können den Bau derartiger Schiffe weder finanzieren, noch gibt es nach dem Zusammenbruch Deutschlands ausreichende Grundlagen, sie wirtschaftlich tragbar zu gestalten. Damit scheiden wir auch für alle Zeiten als Mitbewerber aus der größten internationalen Verkehrsroute zwischen New York und den englisch-französischen Kanalhäfen aus, die in der Zukunft ein ausschließliches Feld der amerikanischen, englischen und französischen Monsterschiffe sein wird. Unsere künftige Aufgabe in der Passagierfahrt kann bestenfalls eine Fortsetzung der Tradition der früheren Schiffe der "Hamburg"-Klasse sein, die ihre Grundlage zu 80 v. H. im deutsch-amerikanischen Verkehr und in der Verbindung von Passagier- und Frachtschiffahrt hatten. – Und gegen ein Wiederaufleben der Erholungsreisen zur See, an deren Entwicklung die deutsche Schiffahrt in der Vergangenheit einen so hervorragenden Anteil hatte, dürfte doch nichts einzuwenden sein ...? W. V.