Von Irene Seligo

Lissabon, im Juli

Lissabon, so augenfällig wohlhabend und glückbegünstigt im Genuß der Vorteile eines modernen Weltverkehrszentrums, im Schmuck seiner strahlend neuen Anlagen, Vergrößerungen, Verschönerungen, hatte kürzlich einen Anfall akuter Krisennervosität zu überstehen. Man konnte plötzlich in der Stadt von allen Seiten hören, Portugals "künstliche" Prosperität sei vorüber, sein Staatshaushalt erschüttert, seine Währung gefährdet; denn die öffentlich zugegebene Verschlechterung der nationalen Wirtschaftslage müsse im Zusammenhang mit dem, was man in den USA Konjunkturrückgang, hier aber schon seit Wochen schlicht Crise Mundial, Weltkrise, nennt, unkontrollierbar werden und auf die Dauer ein Zurücksinken des Landes in Elend und Mißkredit der frühen zwanziger Jahre zur Folge haben. War derlei Gerede keine ernst, zu nehmende Schlußfolgerung aus einem temporären Absinken der staatlichen Zolleinkünfte, so verursachte doch das rasche Zusammenströmen finanzieller Hiobsposten aus allen Himmelsrichtungen aus Spanien, Südamerika, Ostasien, den USA und besonders der Londoner City – mit dieser und jener unerfreulichen Inlandsnachricht einen kleinen Wirbel der Panik auch in ruhigen Gemütern, vor allem in der infolge Dollarknappheit und Sterlingschwierigkeiten schon länger beklommenen Geschäftswelt. Und es kamen dabei nicht nur tolle oder offenkundig tendenziöse, sondern auch peinlich plausible Gerüchte in Umlauf, 10 daß schließlich eine offizielle Richtigstellung für nötig erachtet wurde.

Es sei gänzlich unberechtigt, so besagte die .Verlautbarung des Finanzministeriums, aus "gewissen Maßnahmen zur Verringerung staatlicher Ausgaben und Erhöhung der Einkünfte" auf Erschütterung des Staatshaushalts zu schließen, der vielmehr in diesem Jahr einen ähnlichen Überschuß erwarten lasse wie im vorigen. Schärfstens zurückzuweisen seien aber vor allem die Behauptungen, nach denen das staatliche Industrialisierungs- und Entwicklungsprogramm aus Geldnot eingeschränkt oder abgebrochen werden müsse. Im Gegenteil glaube die Regierung, nur bei energischer Fortführung dieser Beschäftigung gebenden und Neuland schaffenden Aufbauarbeiten Portugal trotz negativer Außenhandelsbilanz, mehrerer Jahre schlechter Ernten und unheimlich rasch wachsender Bevölkerung (die jährliche Zunahme des Achtmillionenvolkes beträgt jetzt über 100 000!) durch die Krise steuern zu können. Einzig im Dienst der Kontinuierlichkeit dieser Politik des Regimes stünde das neue staatliche Sparprogramm, die Erhöhung der Einfuhrzölle sowie das nötig gewordene Zurückgreifen auf den seit lange vor dem Kriege nicht mehr angewandtes Notabgabegesetz "der nationalen Rettung".

Es ist charakteristisch für die portugiesische Situation, daß diese "offiziöse Note", die Gerüchte über Währungskrise und Umsturz der Staatlichen Finanzpolitik wirklich zum Schweigen brachte; das heißt, daß niemand die Verläßlichkeit ihrer in beinah ungehaltenem, jedenfalls lehrhaft trockenem Tonfall vorgebrachten Angaben anzweifelte, in denen viele des Regierungschefs Salazar persönlichen Stil erkennen wollten. Man darf gewiß den normalen portugiesischen Geschäftsmann nicht einen gläubigen "Salazaristen" nennen, dafür steht er viel zu sehr auf Kriegsfuß mit der autoritären Bürokratie. Aber wo es um Zahlen und finanztechnische Tatsachen geht, nimmt er den vielbekrittelten "Schulmeister" ernst. Nebenbei mag zur Überwindung der Nervosität mitgeholfen haben, daß der für dieses Jahr vorgesehene erste Zuschuß der Marshall-Hilfe – 1948 stand es noch so gut um Portugals Devisenreserve, daß es keinen zu beansprachen brauchte – mehr als das Doppelte der ursprünglich genannten 18 Dollarmillionen betragen werde und daß ein ansehnlicher Teil davon mit dem ausdrücklichen Segen Washingtons zur Finanzierung der kolonialen Entwicklung in Afrika abgezweigt werden solle, vor allem zum Ausbau des im vorigen Jahr von England zurückerworbenen Westküstenhafens Beira und der dazugehörigen Bahn. Die beklemmende Enge und Armut des übervölkerten kleinen Landes wird ja durch seine atlantische Lage allein noch nicht gelindert; erst seine überseeischen Besitzungen spannen den verheißungsvollen Horizont darüber, dessen Unentbehrlichkeit jeder Portugiese empfindet. Nun sind es zwar eben diese natürlichen Handelspartner britischer Kolonien und Dominien, die Portugals Interessen heute noch so stark mit denen der Sterlingzone verflechten, daß jeder Kopfschmerz der Londoner City auch den Lissabonnern wehtut. Aber anderseits geben gerade die Kolonien, vor allem Mozambique und Angola, Schlüsselpositionen der Wirtschaftsentwicklung des im Trumanschen Sinne "rückständigen" Zentralafrikas, dem Interesse Amerikas an Portugal das besondere Gewicht; und das letzthin bezeugte Wohlwollen Washingtons gegenüber der Lissabonner Kolonialpolitik gibt Hoffnung, daß eine etwa nötig werdende Umorientierung der hiesigen Wirtschaft zum Dollar hin keine Störung der politischen Grundlinien des Landes zu bedeuten brauchte.

Derlei weiträumige Betrachtungen stellt freilich der portugiesische Durchschnittsbürger nicht an, der in diesem Sommer so eifrig und ein gutes Teil sorgenvoller von der Wirtschaftskrise redet als im vorigen von der Kriegsgefahr. Brachte die Verlautbarung und das, was seitdem über die Finanzlage des Staates veröffentlicht wurde, die Katastrophenpropheten zum Schweigen, so hat die in alledem deutlich aufklingende Austerity-Note doch eine Malaise im bürgerlichen Gemüt hinterlassen. Austerity hat man hier, trotz Rationierung und mancher zeitweiliger Verknappung, seit einer guten Dekade nicht gekannt. Sollen jetzt aber trotz der Wirtschaftskrise all die teuren neuen Handelsschiffe, die Talsperren, Kraftwerke, Berieselungsanlagen, Hafenerweiterungen weitergebaut werden, dazu die Schulen, Krankenhäuser, Arbeitersiedlungen, und müssen weiter Millionen Escudos in den kolonialen Aufbau strömen, so ist allen Pessimisten klar, daß der Staat nur an der Lebenshaltung seiner Bürger sparen kann.

Das trifft zuvorderst, das im Zuge der Wirtschaftslenkung so groß und selbstbewußt gewordene Beamtenheer, dem das Sparprogramm mit seiner Sperre auf Auslandsreisen, Dienstwagen, Repräsentationsausgaben und dergleichen arg in die Glieder gefahren ist und das sich auch vor Sonderabgaben und mehr indirekten Steuern fürchtet; es trifft die Kaufleute, deren Geschäfte seit Monaten stagnieren – auch die erhoffte Belebung durch den Handelsvertrag mit Westdeutschland blieb bisher aus – und die das peinliche Gefühl haben, daß die Regierung die während der Kriegskonjunktur gewaltig gewachsene Firmenzahl nur allzugern verringert sähe; es trifft die ganze Ober- und Mittelklasse bis herunter zum Kleinbürgertum, das in zehn Jahren Prosperität und rascher Modernisierung des Lebensstils seiner jahrhundertelangen Anspruchslosigkeit entwachsen ist, wie einem zu engen Anzug, Aber die Last verteilt sich nicht auf die Masse der Bevölkerung. Der Arbeiter, der unlängst erst über das Existenzminimum des barfüßigen Analphabeten heraufgehoben wurde, kann sie nicht mittragen, helfen; Ja, das langsame, aber deutliche Ansteigen seines Lebensstandards darf nicht aufgehalten werden, im Interesse des sozialen Friedens und der industriellen Entwicklung; ohnehin herrscht noch starker Mangel an Facharbeitern, und das im Norden, entstehende erste Stahlwerk, die geplanten Metallveredlungswerke und Maschinenfabriken werden ihre Belegschaften erst selber ausbilden müssen. Die breite, noch ziemlich primitiv lebende Landbevölkerung wiederum ist infolge einer langen Serie von Mißernten und der katastrophalen Trockenheit dieses Jahres selber hilfsbedürftig. Was endlich die Küsten- und Fischerbevölkerung angeht, so hat sie ebenso wie die Arbeiterschaft in den Zentren der Fischkonservenindustrie: schon seit zwei Jahren unter dem Ausbleiben, der Sardinenzüge und allgemeiner Verarmung der Fischgründe zu leiden. Zu den umlaufenden Erzählungen von diesen Beschwernissen gesellen sich noch die besonders unter "Angehörigen militärpflichtiger junger Männer unruhig diskutierten Gerüchte über das Abgehen großer Truppentransporte nach China zur Verteidigung der Kolonie Macao, die sich bei weiterem Vordringen der Kommunistenarmeen in Richtung Hongkong aus der idyllischsten Friedensoase des Fernen Ostens von einem Tag auf den andern in ein Schlachtfeld verwandeln könnte.