Der bedeutende flämische Künstler vollendete dieser Tage sein 60. Lebensjahr.

Es war in der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg, als mir ein Freund ein kleines, dickleibiges Buch zeigte, das er aus Genf mitgebracht hatte, nur mit Holzschnitten, ganz ohne Text. "Mon Uwe d’heures" war es betitelt, mein Stundenbuch, in Anlehnung an jene illustrierten Prachtbände des Mittelalters, die bildliche Darstellungen zu den geheiligten Stunden geistlicher stellungen enthielten. Dies moderne Büchlein allerdings war alles andere als kirchlichen Geistes; es enthielt Schilderungen aus dem abenteuerlichen Leben eines jungen Menschen der Gegenwart, die an Drastik nichts zu – wünschen übrig ließen. Ihren Helden führen sie vom ersten Ausflug mit der Eisenbahn in die Großstadt, zum Staunen über die Wunder der Technik und die Reize ihrer Verführungen, in Fabrik, Bibliothek, Rummelplatz, Tanzsaal, Bordell, zu zarten und derben Erlebnissen und schließlich zurück in die Natur, an der er sich schon in ermatteten Zwischenzeiten immer wieder erfrischt hat. Das Auszeichnende dieser so anmutigen wie ausdrucksstark kleinen Blätter ist die Fähigkeit, mit sparsamsten graphischen Mitteln prägnant zu erzählen, so daß der "lesende" Betrachter gefesselt wird wie durch einen spannenden Roman. Was trotz aller weltweiten Verschiedenheit dennoch an den Geist der mittelalterlichen Erbauungsbücher erinnert, das ist das mitreißende Pathos eines weltlichen Predigers, der nicht von Gott und den Heiligen erzählt, aber von der alles besiegenden Macht des Guten, der inneren Freiheit echten Menschentums, dem brüderlichen Mitgefühl mit aller Kreatur, von der Verachtung leerer Konventionen und boshafter Ausnutzung, von urwüchsig-kindhafter Lebensfreude. Auf jeden dieser 165 kleinen Holzschnitte kehrt der gleiche junge Mann wieder, trotz der äußerst vereinfachten Schwarz-Weiß-Darstellung ein deutlich erkennbares Selbstbildnis.

Einen Nachteil hatte dieses Buch: es handelte sich um einen teuren Luxusdruck auf Japanpapier in einem kostbaren Ganzlederband, der für die Nachkriegsjugend, die hier so befeuernd angesprochen wurde, unerschwinglich war. Das ließ den Wunsch aufkommen, billige Volksausgaben dieses und ähnlicher Werke des Künstlers zu veranstalten. Aber die Verleger wehren sich; diese Bildersprache sei zu ungewohnt, um eine Massenauflage Bau rechtfertigen; zum mindesten müßten werbende Einleitungen dazu geschrieben werden. Es gelang, Thomas Mann und Hermann Hesse dafür zu gewinnen, und selber durfte ich die "Sonne" einleiten, vielleicht die liebenswerteste dieser kleinen Bildererzählungen. Der Erfolg war überraschend groß. Frans Masereel wurde auch in Deutschland eine volkstümliche Gestalt.

Gleich aber regte sich auch Widerspruch. Das sei, so sagte man, keine echte bildkünstlerische Aussage, sondern eine Art Zwitterbildung von Graphik und Literatur. Bildkunst mit literarischem Einschlag war in jenen Jahren besonders verpönt. Und hier wurde nicht nur erzählt, sondern obendrein gepredigt. Ein Künstler mit moralischen Ambitionen – das genügte, um ihn suspekt zu machen. In unendlichen Aufsätzen und Vorträgen haben seine deutschen Freunde sich werbend für Masereel eingesetzt, mit besonderer Resonanz nicht bei den Intellektuellen, sondern beim einfachen Volk. Hier endlich war eine Kunst erschienen, die, ganz und gar modern in der Handschrift, die Herzen unverbildeter Menschen zu erreichen vermochte.

Trotz allem blieb Masereel ein Außenseiter, und zur Zeit des Nationalsozialismus wurde er, der auch politisch zu den Revolutionären gehörte und nach der Flucht aus seiner flandrischen Heimat seine künstlerische Laufbahn mit satirischen Zeichnungen gegen die Kriegshetzer in aller Welt in einem mutigen Schweizer Boulevardblättchen begonnen hatte, in Deutschland verfemt; die Restauflagen seiner Bücher wurden verbrannt. Daß er bei uns in Vergessenheit geriet, auch bei ernsthaften, von den politischen Tagesparolen innerlich unabhängigen Kunstfreunden, das mag auch darin seinen Grund haben, daß seine künstlerische Entwicklung vom erzählenden Holzschneider zum bedeutenden Maler in Deutschland fast unbekannt blieb. Eine erste Ausstellung seiner Gemälde – die Mannheimer Kunsthalle und das Lübecker Museum waren unter den ersten Käufern – fiel in eine Zeit, in der ausländische Kunst sonst kaum noch zu uns drang und argwöhnisch betrachtet wurde.

Die neue Etappe seiner Kunst war eingeleitet worden durch große Wanddekorationen in Mosaik für den Schweizer Kunstfreund Georg Reinhart in Winterthur. Hier wird nicht mehr pathetisch gepredigt, nur noch gelassen ausgesagt aus der Fülle weltoffenen Erlebens; Freude und Schönheit übermächtigen uns, und doch fühlt man, daß sie gewonnen sind von einem Meister, der sie aus dem Dunkel heraufgeführt hat.

Die graphische Produktion ist inzwischen keineswegs erloschen. Eine Fülle von Buchillustrationen ist entstanden, die schönsten vielleicht zu de Costers Ulenspiegel und kürzlich zur Schöpfungsgeschichte der Bibel. In Winterthur konnte ich einen neuen Typus kennenlernen: Bilderrollen, chinesischem Muster äußerlich nachgebildet, auf denen in stürmischem Tempo erzählt wird, turbulenter und malerischer als früher, wahre Orgien sich überstürzender, leidenschaftsbewegter Vorgänge. In diesem Jahre sind nun auch nach Deutschland neue Bilderbücher des Künstlers gedrungen. Sie haben eine gewisse Enttäuschung ausgelöst, weil sie Wiederholungen der schon in der Frühzeit meisterlich bewältigten Themen zu sein schienen. "Passion eines Menschen" hieß eines der ersten, anklagenden Bilderbücher; doch wird jetzt von der Passion nicht eines einzelnen, sondern der Menschheit erzählt. Es sind wütende Bildberichte über die Greueltaten des zweiten Weltkrieges, unerbittliche Anklagen gegen diejenigen, die sie bewirkt haben. Hat der Agitator wieder die Oberhand gewonnen über den liebenden Weltfreund? Wird die Kunst "degradiert" zur politischen Waffe? Wer so fragt, ist dem Wesenskern von Masereels künstlerischem Werk fremd geblieben. Seine Kunst ist ihm immer Dienst an der Menschheit. Wenn seine künstlerische Mission einen Sinn haben soll – durfte er dann heute schweigen? Er wäre sich selbst und den gereiften Ausdrucksmitteln seiner Kunst untreu geworden, hätte er nicht erneut zum anklagenden Stift gegriffen.

Als bald nach dem Zusammenbruch in Saarbrücken eine Schule für Kunst und Handwerk neu eingerichtet wurde, meldete sich Masereel als einer der ersten, um dort zu unterrichten. Die Deutschen hatten sein Haus in Equihen bei Boulogne zerstört, er aber findet sich bereit, deutschen Nachwuchs zu erziehen im Geist brüderlicher Liebe. So ist Frans Masereel uns, wie einst Romain Rolland, dessen Bücher er illustriert hat, zu einem Sinnbild der Völkerversöhnung geworden.