Von Heinz Hartmann

Die Moskauer Zeitschrift "Neue Zeit" zitierte kürzlich einen Artikel aus "New York Journal and American", der unter anderem von der Tätigkeit der 1948 in Stuttgart begründeten "Gesellschaft für Weltraumforschung e. V." berichtete. Die sowjetische Zeitschrift verknüpft mit ihrem Kommentar die Behauptung, die Gesellschaft stelle ein verkapptes neues Rüstungszentrum für Raketenwaffen dar und konstruiere und vervollkommne Waffen für die massenhafte Vernichtung von Menschen. Dazu nimmt der Leiter der "Gesellschaft für Weltraumforschung" im folgenden Stellung.

Raketen waren lange Zeit nichts anderes als ein beliebter Bestandteil festlicher Feuerwerkspiele. Heute machen sie große Politik. Deutschland allerdings ist aus dem Rennen ausgeschieden, nachdem es einmal der übrigen Welt um viele Jahre in der Entwicklung vorausgewesen war. Der größte Teil der früheren Forschungsstäbe ist dem Ruf an ausländische Arbeitsplätze gefolgt, und zwar nicht nur, wie die sowjetische "Neue Zeit" richtig zitiert, nach den Vereinigten Staaten, sondern auch in die Sowjetunion. Während Professor Wernher von Braun in Texas und Neu-Mexiko mit den Resten der V-2-Bestände Höhenforschungsaufstiege durchführt, ging im Herbst 1946 Oberingenieur Kurt Schell mit dem größten Teil seiner früheren Abteilung bei den Bayrischen Motorenwerken in die Sowjetunion. Hier wie dort ist seitdem die Entwicklung fortgeschritten.

Die in Deutschland verbliebenen wenigen ehemaligen Raketeningenieure sind durch das Koatrollratsgesetz Nr. 25 gebunden. Die "Gesellschaft für Weltraumforschung" wird die Möglichkeiten künftiger Weltraumforschung durch Weltraumfahrt aufmerksam verfolgen. Die Vereinigung in Stuttgart bedient sich deshalb bewußt eines Oberthschen Raketenmodells als Symbol. Diese Rakete im Siegel der Gesellschaft ist aber auch die einzige, die es in Stuttgart heute überhaupt gibt!

Darüber sind sich alle einig: Die Zeit der billigen Experimente kleiner, aktiver Gruppen ist vorbei. Raketenforschung ist heute ein Finanzproblem. Die Entwicklungsstellen für Raumwaffen sind an den Etats der Finanzminister aller Länder (außer Deutschland) mit ansehnlichen Posten beteiligt. Diese Ausgaben runden sich zu Summen, die eines Tages ebenbürtig neben den Aufwendungen für die Entwicklung der Atombombe stehen werden.

Eine kurze Abschätzung des materiellen Aufwandes für nur eine Mondumfahrung mag dies zeigen. Die Doppelrakete, die kürzlich über den White Sands Proving Grounds in Neu-Mexiko eine Höhe von mehr als 400 Kilometer erreichte, hatte eine Geschwindigkeit von 9000 Kilometer je Stunde. 41 000 Kilometer je Stunde sind aber notwendig, um die Anziehungskraft der Erde zu überwinden. Auch verschiedene neue amerikanische Baumuster sind noch weit von dieser Leistungsfähigkeit entfernt. Um nur zwei Personen einmal um den Mond herumfahren zu lassen, ohne dabei eine Zwischenlandung vorzusehen, müßte man ein Raumschiff konstruieren, das beim Start auf der Erde 34 000 Tonnen wiegt. Bei dieser Abschätzung haben wir den heute üblichen Treibstoff für Raketenmodelle einkalkuliert. Bessere Treibstoffe, die in den Plänen der Treibstoffchemiker bereits eine Rolle spielen, könnten das Startgewicht auf 700 Tonnen herabdrücken. Sieht man schließlich eine Landung auf dem Mond vor, so wächst das Treibstoff- und Energieproblem in einem Maße an, das alle weiteren Kalkulationen zur Utopie werden läßt.

Die Entwicklung von Mondrakete und Fernwaffe liegt vorläufig in der gleichen Richtung: daher rührt das Mißtrauen, das man der deutschen "Gesellschaft für Weltraumforschung e. V." in Moskau entgegenbringt. Dennoch besteht zwischen theoretischer Erörterung künftiger Weltraumforschung durch Weltraumfahrt – wie sie die "Gesellschaft für Weltraumforschung" noch zu leisten sucht – und praktischer Arbeit an Raketen – Vernichtungswaffen ein wesensgroßer Unterschied. Wie sollte heute in Deutschland eine mittellose Meine Gruppe ohne Prüfstände und ohne Laboreinrichtungen praktische Raketenforschung treiben, und wo sollten in Deutschland, unbeachtet und streng geheim gehalten, große Raketen aufsteigen? Die Wüsten des westlichen Amerika und die weiten menschenleeren Gebiete in Sibirien sind dafür weitaus besser geeignet.