Ein Auto bremste scharf vor dem Regierungsgebäude in Guatemala, heraus: sprang der Bruder des Staatspräsidenten Arévalo, eine Maschinenpistole umgehängt. Er eilte in den Palast, der sofort verbarrikadiert wurde. Das war das erste Anzeichen für die überraschten Bewohner der Hauptstadt von Guatemala, daß wieder eine Revolution in der Luft hing. Es dauerte auch nicht lange, und Panzerwagen und Tanks fuhren auf, um den Regierungssitz zu beschießen. Sie waren jedoch nicht in der Lage; das belagerte Gebäude zu nehmen.

Die Polizei fing daraufhin an, Waffen an die Zivilbevölkerung auszugeben und diese zum bewaffneten Widerstand aufzufordern. Gegen wen? Zunächst herrschte völlige Unklarheit. Dann sickerten, die ersten Nachrichten durch. Der Oberbefehlshaber des Heeres, Oberst Arana, war in einem Badeorte von Personen in Militäruniform ermordet worden. Daraufhin hatten seihe Freunde im Heer losgeschlagen, weil sie den Kriegsminister Arbenz für diese Tat verantwortlich machten. Dieser hatte selbst die Verteidigung des Regierungsgebäudes übernommen, und teilte nach einem Tage mit, daß der Putsch niedergeschlagen sei. Aber die Macht, die aus dem Schatten der Kulissen heraus, die Regierung lenkt, hat sich geändert: Arana, ehemals Werkzeug nordamerikanischer Interessen, dann aber selber zu mächtig geworden und von dem Ehrgeiz beseelt, bei den nächsten Wahlen Präsident zu werden, ist tot. Der Kriegsminister Arbenz, sein Gegenspieler, hat ihn ausgeschaltet und ist heute der starke Mann in Guatemala. Was bedeutet dieser Wandel?

Guatemala erhebt Anspruch auf Britisch-Honduras, oder Belize, wie die Bewohner von Guatemala sagen. Außerdem gehen von Guatemala Bestrebungen aus, die fünf, mittelamerikanischen Republiken, in einem Staatenbunde zu vereinen, der immerhin nach der Volkszählung von 1940 mehr als 8 Millionen Einwohner betragen würde, davon allein zwei Fünftel Guatemalteken. Ein solcher Staat wäre stark genug, um auch nach außen eine festerec Haltung einzunehmen. Das wäre für die nordamerikanischenInteressen jedoch bedenklich. Mittelamerika wird in hohem Maße von der United Fruit Company beherrscht, die in Deutschland besser unter dem Namen Bananentrust bekannt ist. Sie legt keinen Wert darauf; es mit einem starken Zentralstaat zu tun zu haben, denn sie zieht es vor, mit den fünf Republiken einzeln zu verhandeln. Für die amtliche Politik von Washington wiederum bleibt stets die Rücksicht auf die Nähe des Panama-Kanals maßgebend. Früher oder später wird doch einmal ein zweiter Kanal gebaut werden, müssen, und er wird naturnotwendig durch den Nicaragua-See, der zwischen Nicaragua und Costarica, liegt, führen. Weiter nördlich liegt am Stillen Ozean die Fonseca-Bucht, der beste natürliche Hafen vielleicht an der gesamten amerikanischen Westküste, und an diese Bucht stoßen drei Republiken: Salvador, Honduras und Nicaragua. Welche Schwierigkeiten könnten nicht entstehen, wenn jedesmal ein starker mittelamerikanischer Staatenbund unter guatemaltekischer Führung der Gegenspieler der Vereinigten Staaten sein würde. Wird der Kriegsminister Arbenz nun aber wirklich der Mann sein, diese hoch fliegenden Pläne aufzugeben?

Der Diktator Ubico, der 13 Jahre lang die Geschicke Guatemalas lenkte, bis er 1944 durch eins Militärerhebung mit dem jetzt ermordeten Anna an der Spitze abgesetzt wurde, hatte ähnliche Pläne. Vielleicht geht auch Ubicos Sturz auf seinen Ehrgeiz zurück, in Mittelamerika eine zu große Rolle spielen zu wollen. Arana hat sich immer als Mann der "praktischen Demokratie" aufgespielt, aber er blieb der starke Mann hinter den Kulissen, der seine Widersacher rücksichtslos ausschaltete, auch wenn es früher seine engsten Mitarbeiter waren, wie vor einem Jahr seinen Freund Toriello und kürzlich die Freunde des Kriegsministers Abenz. Es fällt nicht schwer, gegen einen solchen Mann persönliche Feindschaffen zu entfachen. Dann mag es so aussehen, als handele es sich bei den Kämpfen nur um verschiedene Gruppen, die um die Macht ringen. Aber dahinter stehen die mächtigen ausländischen Einflüsse. Hier sind Drahtzieher am Werk, die nicht immer die Politik der amtlichen Vertretung gutzuheißen brauchen.