Vor einigen Tagen fand in Belgrad ein Fest der Luftwaffe statt. Einige 80 000 Menschen schauten zu, als jugoslawische Fallschirmjäger den Belgrader Flugplatz im Manöver eroberten. Die Menge fand es interessant, die Militär- und Luftfahrtattachés der Belgrader Gesandtschaften waren weniger beeindruckt. An der Operation regen den Flugplatz nahmen kaum 100 Mann teil. Den Rest der Vorführung besorgten etwa 20 überalterte Stormowiks und 18 Yak-Jäger, Muster 1941: zusammen drei Dutzend fliegende Särge. Immerhin wunderte man sich, daß die Jugoslawen Flugbenzin hatten, das angeblich aus eigener Produktion stammen soll.

Die Luftwaffendemonstration verdient einiges Interesse in einem Augenblick, in dem sich die Beziehungen Titos zur Sowjetunion und den Kominformländern weiter heftig zu verschärfen scheinen. Es ist für die Totalitären charakteristisch, daß sie über eine nahezu unendliche Skala von Möglichkeiten verfügen, Schwierigkeiten zu machen, Drohungen auszusprechen und Spannungen zu erhöhen. Während man vor einigen Wochen annehmen mochte, daß mit dem Abbruch aller Handelsbeziehungen zusammen mit einer rasenden Rundfunkpropaganda gegen Tito der Höhepunkt des Konfliktes erreicht sei, belehrten uns seither die rapide Militarisierung Albaniens durch sowjetische Spezialisten, besonders aber eine überaus scharfe Sowjetnote an die Belgrader Adresse, worin die Freilassung zahreicher verhafteter und angeblich zwecks Erlangung von Geständnissen, schwer mißhandelter Sowjetbürger gefordert wird, daß in dieser Sache noch nicht aller Tage Abend ist. Die Meldungen – oder Gerüchte –, daß in Bulgarien Vorbereitungen getroffen würden, um die mazedonische Frage zu forcieren, solange die durch Titos Haltung gefährdeten griechischen Partisanen noch existieren, daß ferner dort und da militärische Bewegungen in Richtung Jugoslawien im Gange seien, tun ein übriges, um das Problem Tito zu: aktualisieren. Setzt Stalin vielleicht jetzt, da die freundlichere Atmosphäre, die seit der Pariser Konferenz im Verhältnis zu den Westmächten, herrscht, die Empfindlichkeit der USA-Regierung herabgesetzt haben mag, zur Liquidation des Abtrünnigen an?

Es sprechen auchheute noch Sehr starke Gründe dagegen. Vor allem der, daß das Regime Titos wahrscheinlich ohne Einsatz russischer Truppen nicht gestürzt werden kann. Zwar mag die jugoslawische Luftwaffe eine traurige Sache und die Armee nicht viel besser sein. Indes die Kominform-Nachbarn, wenn es auf sie ankommt, sind zumindest ebensokhe Nonvaleurs. Der Einsatz russischer Truppen aber, der seit 1945 nirgends – mehr stattgefunden hat, nicht einmal in China, bedeutet einen, sei es auch lokalen Krieg, als dem sich leicht eine allgemeine Hysterie und ein allgemeiner Konflikt entwickeln könnten. Auer selbst wenn dies vermieden werden könnte, so müßte doch damit gerechnet werden, daß eine bewaffnete Aktion in Jugoslawien. Tito nicht zur Kapitulation, sondern eher zum Rückzug, in die Berge bewegen und somit einen Partisanenkrieg hervorrufen würde, den wir aus dem Weltkrieg keinen und den eine ganze deutsche Heeresgruppe seinerzeit nicht beendigen konnte. Wieder würden neben den Tito – Anhängern auch die Nationalisten, die Michailowitsch – Tschetniks, die kroatischen Ustaschen, ‚u Schumu‘ in den Wald gehen. Und ein solcher Mißerfolg erster Ordnung könnte für das Prestige der Sowjetunion in den Kominform-Ländern weit gefährlicher sein als das Fortdauern der Tito-Front.

Deshalb ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß die Verschärfung des Kalten Krieges gegen Tito, die zur Zeit festzustellen ist, bescheidenere Ziele hat. Tito bemüht sich gerade um Dollaranleihen. Er braucht 280 Millionen. Werden die amerikanischen Kapitalisten ihm eine so hohe Summe geben, wenn ihnen die Unsicherheit seiner Existenz jeden Tag deutlich vor Augen gerührt wird? Dieser Erwägung liegt aber möglicherweise eine Täuschung zugrunde, weil die Moskauer Auffassung, Truman und Acheson seien einfach nur Repräsentanten der Kapitalisten, falsch ist. Zwar werden Bankiers einem gefährden Tito weniger gern ihr Geld anvertrauen. Ute so eher wird es möglicherweise eine Regiemag tun, die in USA wie überall in erster Linie Motiven politischer Art folgt. So könnte die verschärfte Kominform-Kampagne die Verhandlungen des immer hoffnungsvollen Herrn Kosanowitsch in Washington zuguterletzt beschleunigen statt stören. Zumindest, was einen kleinen Vorschuß betrifft. H. A.