Das Jahr 1949 wird das kritischste unserer Geschichte werden", so äußerte sich Staatspräsident Inönü dieser Tage in Ankara nach der Rückkehr von einer Inspektionsreise durch Mittel- und Ostanatolien. Diese sorgenvollen Worte sind, um so bedeutungsvoller, als die offiziöse Zeitung "Ulus" sich nur wenige Tage zuvor scharf gegen die "übertriebenen Krisengerüchte" in der Weltpresse wandte und auch der türkische Rundfunk wiederholt das Gerede von ernsten türkischen Sorgen als lächerlich zurückwies.

Immerhin – die Türkei ist nicht frei von Problemen: Die Verschärfung des innerpolitischen Kampfes, die außenpolitisch gefährdete Lage des Landes und die wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind nicht fortzuleugnen. Aber diese Probleme sind nicht größer als in anderen europäischen Ländern auch, zum Teil sogar wesentlich unkomplizierter. Man ist nur von der neuen Türkei ein solches Maß an Stabilität gewöhnt, daß das geringste. Anzeichen von Schwierigkeiten ein vielfach verstärktes Echo in der Weltpresse findet und damit leicht ein übertrieben pessimistisches Bild gezeichnet wird.

Besonders deutlich wird dies bei einer Betrachtung der innerpolitischen Lage. Die türkische Staatsform ist erst vor wenigen Jahren von der "wohlwollenden Diktatur" der Republikanischen Volkspartei zur parlamentarischen Demokratie westlicher Prägung, vom Einparteiensystem zum vielfarbigen Parteienstaat übergegangen. Und nun ist es vor allem die Demokratische Partei, nach der Volkspartei die stärkste im Lande, die durch lärmende Proteste und heftige Attacken in ihrer Zeitung "Kudrät" die gewohnte Ruhe im Parteileben stört.

Auf dem rechten Flügel lassen sich neuerdings wieder religiös gebundene Stimmen vernehmen, die einen stärkeren Einfluß des Islam auf das Staatsleben wünschen und in Opposition zur laizistischen Politik der Regierung stehen. Die Kommunistische Partei ist verboten; soweit sie sich illegal betätigt, wird dies als außenpolitisches Problem gewertet. So vermittelt die türkische Innenpolitik dem Beobachter, der an die Dynamik westeuropäischen Parteilebens gewöhnt ist, nicht gerade den Eindruck besonderer Problematik, Die Heftigkeit der Sprache ist eine Kinderkrankheit jeder jungen Demokratie, die so lange nicht gefährlich ist, als die nationale Einheit stärker wiegt als trennende Parteischranken.

Ernster sieht die außenpolitische Situation aus. Die offizielle Türkei hat ebensowenig wie der Mann auf der Straße verwunden, daß das Land dem Atlantikpakt nicht beitreten konnte. Die Beteuerungen von englischer und französischer Seite, daß der Beistandspakt von 1939 noch in Kraft sei und die Türkei auf diese Weise indirekt an der atlantischen Verteidigungsgemeinschaft teilhabe, werden als recht unbefriedigender Ersatz empfunden. Man fühlt sich in Ankara gerade in diesen Wochen wieder stark bedroht: das Thema der Meerengen taucht für den türkischen Geschmack zu oft in der "Prawda" und "Krasny Flot" auf. In diesem Zusammenhang werden immer häufiger Stimmen der Kritik an den USA laut. Die im Rahmen der Militärhilfe gelieferten Flugzeuge sollen ausgeleierte Maschinen von der Berliner Luftbrücke, das rollende Material an Panzern und Lastkraftwagen veraltet und verrostet sein. Man hat den Eindruck, zuviel surplus und zuwenig wirkliches war material zu erhalten. Besonders peinlich berührt waren die Türken von Indiskretionen über den amerikanischen Verteidigungsplan, der angeblich vorsieht, daß im Ernstfalle nur ein kleines Reduit um den Hafen Iskenderun in der äußersten Südwestecke des Landes verteidigt werden könne.

Die größte Sorge der Türkei ist aber die wirtschaftliche Lage. Die gewaltigen Preissteigerungen der letzten Jahre haben zusammen mit einer immer stärker fühlbar werdenden Geldknappheit eine völlige Stagnation des innertürkischen Marktes hervorgerufen. Industrie und Handel sitzen auf unverkäuflichen Lagerbeständen. Auch der türkische Außenhandel leidet unter immer stärkerer Schrumpfung der Exporte, während die Importe durch den katastrophalen Devisenmangel erdrosselt werden. Für die Marshall – Dollars können fast nur amerikanische Maschinen und Waren eingeführt werden, die teuer sind und den Markt mehr belasten als beleben. Für Landmaschinen zum Beispiel, die in der türkischen Landwirtschaft dringend gebraucht werden, mußte die Regierung erst ein großzügiges Kreditsystem schaffen, um ihren Absatz überhaupt zu ermöglichen. Die Dürre dieses Sommers zwingt zu umfangreichen Weizenimporten und belastet damit die Außenhandelsbilanz noch, zusätzlich.

Eine Erleichterung für ihre Wirtschaft sieht die Türkei vor allem in einem verstärkten Handel mit Deutschland. Es ist interessant zu beobachten, daß Radio Ankara auch in seinen englischen und französischen Sendungen immer wieder auf diese Notwendigkeit hinweist. "Wir können und wir wollen nicht auf den großen mitteleuropäischen Markt verzichten, der sich mit dem unseren immer gut ergänzt hat", heißt es da, und "wir begrüßen das wachsende Interesse deutscher Kaufleute am türkisch-deutschen Handel und sind überzeugt, daß dieser einen erheblichen Aufschwung nehmen wird, wenn erst einmal die Zwischenschaltung der JEIA aufhört!" Auch die Probleme in der Türkei zeigen uns also, daß es in Wirklichkeit nur eine Krise gibt: die europäische, und daß diese nur durch engste Zusammenarbeit der nationalen Wirtschaften gelöst werden kann. Peter E. Schulze