Les miserables – das ist ein brodelnder Hexenkessel der dichterischen Visionen, die politische und soziale Wirklichkeit seines Zeitalters umfassend, mit manchen Sentimentalitäten und vielen Breiten darin, aber es ist doch das Leben selbst, das sich hier spiegelt. Das Leben der "Verdammten" (wie auch der deutsche Filmtitel heißt), der Deklassierten, der Sträflinge und der Dirnen, die von der unlösbaren Kette nicht loskommen, an der sie hängen. Das ist noch von romantischer Abenteuer- und Fabulierlust umgeben, aber hier hat doch einer dem Volk ins Herz gesehen – und aufs Maul, um lutherisch zu sprechen; er hat aus heißem Empfinden heraus dessen. Not in einem riesigen Al-Fresko-Gemälde zum Thema einer sozialen Predigt gemacht.

Der 1933 entstandene Film, der erst jetzt in Deutschland gezeigt werden darf (Erstaufführung im Regina-Theater, München), hat das vielbändige Romanwerk Victor Hugos auf zwei Filmabende zusammengedrängt: "Ewige Fesseln nennt sich der erste Teil, "Heimatlos" dann die Fortsetzung. Doch der Regisseur. Raymond Bernard hat das gar nicht so kolportagehaft gemacht, wie es klingt. Er hatte in Harry Baur einen prachtvoll vitalen Viljean, der auf seinen mächtigen – Schultern gleichsam, das ganze Leid aller gequälten Kreatur unter Gottes Sonne zu tragen vermag. Er hatte in Arthur Honegger einen Komponisten, der dem soziologischen Zeitpanorama Hugos die innerseelisch-stimmungsmäßigen Komponenten gibt. Und er hatte schließlich in Hugo selbst einen Filmautor, dessen dramatischer Spannungsbogen vom Rührstück bis zum Weltanschauungsdrama reicht und der bei allem moritatenhaften Schaugepräge doch ein, großes geistiges Welttheater gibt: die Legende vom gefallenen Engel im Menschen, den Selbstbescheidung und Selbstüberwindung vom Nächstenhaß erlösen. Ulrich Seelmann-Eggebert