Von Jan Molitor

Paderborn, eine der meistzerstörten Städte dieses Krieges, hat Ende Juli die "Libori-Woche" gefeiert wie lange nicht mehr. Denn Paderborn ist eine wiedererstandene Stadt.

Paderborn ist eine wiedererstandene Stadt. Es war zu achtzig Prozent zerstört und ist wiedererstanden von Libori zu Libori. "Gehen wir auf Libori", sagen die Bürger Paderborns; "auf Libori" sagen auch die Leute der Umgebung. "Libori" – das heißt: Festlicher Gottesdienst, Achterbahn und Karussell, das heißt: die Freude jubiliert neben der Frömmigkeit. "Libori" – das ist: Orgelklang und Glockenläuten, Geigenton des blinden Bettlers an der Straßenecke. Und Kasperle-Theater. Und Menschengewühl in den Straßen. Und Bauern, die mit Pferd und Wagen kommen, Kleider fürs ganze Jahr zu kaufen, Peitschen und Peitschenschnüre, Lakritzenstangen für die Kinder und Töpfe. Der Topfmarkt findet im Freien statt, aber in einer der alten Kirchen hält ein geistlicher Herr, zugleich Professor der Theologie, eine kräftig-fromme Predigt: daß drei Tätigkeiten zusammengehören, Gott zu dienen: beten, arbeiten, sich freuen...

"Großer Libori-Verkauf" zeigt ein Geschäftshaus an, das auch sonntags geöffnet ist: "Damen-Schlüpfer (kunstseidene und baumwollene Qualitäten), Damen-Schürzen (in modernen Formen), Büstenhalter (aus kräftigen Stoffen)." Liborius aber, in dessen Namen alles geschieht, ob Gebet, Arbeit, Freude, Ausverkauf, ist der Paderborner Schutzpatron. Ein Bischof war er, und seine Gebeine ruhten zu Le Maus, bis sie durch Bischof Badurad nach Paderborn überführt wurden. Das war Anno 836. Und wie die Legende meldet, flog ein Pfau dem frommen Zug voraus und ließ sich dort nieder, wo jetzt zu Paderborn die halbzerstörte Liboriuskapelle steht. Das Denkmal des Bischofs hat den zweiten Weltkrieg überstanden. Viele Vögel kreisten am Himmel über Paderborn, die wenig Ähnlichkeit hatten mit dem bunten Vogel der Legende, und zerschlugen dem Pfau zu Füßen des Heiligen Kopf und Schweif, während sie die Stadt durch Bomben niederlegten. Just eben hat ein Steinmetz den Pfau wiederhergestellt. Auch des Liborius Kapelle wird bald wieder aufgebaut sein. Gleich nebenan waren "zu Libori" Krokodile zu sehen, und hundert Meter weiter entfernt zeigte ein "Panorama" aufregende Bilder, wie es einmal im Zirkus Sarasani brannte und auf einem französischen Schiff. Man konnte es sehen und daran erschauern, während über der Stadt die Glocken läuteten, zu rufen Vivos et moruos, die Lebenden und die Toten, auch jene, die in den furchtbaren Bombenlagen, zumal am 17. Januar 1945 und am 27. März 1945 ihr Leben ließen: insgesamt siebenhundert Bürger und dreiundzwanzig Soldaten ...

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Wer erinnert sich nicht? Die "Schlacht um Paderborn" gegen Schluß des Krieges! Und vorder Luftangriffe, die von 10 056 Wohnungen nicht weniger als 9956 zerstört oder beschädigt hatten! Soviel Trostlosigkeit hat man nicht oft beisammengesehen wie in diesen Trümmern, gleich nach Kriegsende. Er habe, als er damals von den Soldaten heimkehrte, beim Anblick der Stadt "geheult wie ein altes Weib", erzählte ein Bürger aus Paderborn. Sagte es in seinem westfälischen Platt – da hörte es sich so eindrucksvoll an, daß man’s auf Hochdeutsch gar nicht wiedergeben kann. Aber jetzt war "Libori". Wir aßen "Große Bohnen mit Speck". Übrigens, man darf nicht vergessen, das Bohnenkraut ein wenig mit zu kochen und "Schmant" daran zu tun; auf diese Weise entsteht aus dem, was in Berlin, der Mark und weiter östlich verächtlich "Saubohnen" genannt wird, eine nobel-kräftige Mahlzeit, die würdig ist, mit einem Wacholder "Klaren" begossen zu werden. Und da wir gerade bei den Paderborner "Spezialitäten" waren, vurde auch von den anderen Gerichten gesprochen, die einer ißt, der "auf Libori" geht: Rinderwürste, klein wie Leberwürste. Man nimmt fettes Rindfleisch, schneidet es kurz und klein, tut ein bißchen Grütze hinein, füllt es in Därme, brät es in der Pfanne und ißt es mit einem Brei aus Äpfeln und Kartoffeln, "Himmel und Erde" genannt. Und dann das Paderborner Bier! "Das wunderbarste Bier, das es in Deutschland gibt", schrieb kein moderner Reklamechef, sondern Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg, der 1661 begann, das Paderborner Land zu regieren. Und dieses Wort eines katholischen Kirchenfürsten wird auch heute noch selbst von den wenigen Protestanten Paderborns anerkannt. Es heißt, das Wasser der Pader, die der Stadt den Namen gab, sei als Grundstoff dem Biere günstig. Die Pader übrigens hat nicht nur einen Born –: überall quillt’s aus der Erde, aus Kellern und Höfen. Ein sonderbares Wasser, so lebendig, so schnell, so fröhlich! Es strömt zusammen und ist schon stark genug, Mühlen und Turbinen zu treiben. Fröhlichkeit und Arbeit... und im Vinter dampft das Pader-Wasser, es hat ein wenig Temperatur. Nebel wie Weihrauch steigt Tom Wasser auf. Es betet...

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