Es ist noch gar nicht so lange her – etwas über vier Jahre –, daß man in einer Hauptstadt Amerikaner, Engländer und Franzosen sah, die sich auf Brust und Rücken möglichst auffällig, ein Hakenkreuz geheftet hatten und sich bei, mühten, in öffentlichen Gesprächen deutsch zu radebrechen, um ungestört ihren Geschäften nachgehen zu können. Das Land, in dem dies geschaf, war treuer Alliierter Japans – wenigstens äußere, lich –, und die Stadt war Bangkok, die Haupt-, Stadt Siams oder, wie es seit einem Jahrzehnt sich nennt, Thailand, das "Land der Freien".

In den vier Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich viel gewandelt: Die Japaner sind, gründlich besiegt worden, die Angelsachsen werden betont freundlich behandelt, Englisch ist die vorherrschende Sprache. Nun, das ist auch in den anderen, einst feindlichen Ländern zwischen Pazifik, Mittelmeer und Atlantik der Fall. Was aber Thailand seine Sonderstellung gibt, ist die Tatsache, daß es überhaupt nicht als ehemals feindliches Land behandelt wird, obgleich in der Person Marschall Pibul Songkrams seit 1947 der-Selbe Mann am Steuer des Staatsschiffes steht, der 1942 den Amerikanern den Krieg erklärte. Einige pro-forma-Reparationen sind in Gestalt von Reislieferungen an die benachbarten Gebiete des; Commonwealth festgelegt, die aus dem großen, ständig wachsenden Exportüberschuß des Landes prompt und ohne Mühe geliefert werden, Sonst herrscht Friede und Freundschaft zwischen den Gegnern von gestern, und selbst die noch recht zahlreichen Deutschen im Lande bekommen dies zu spüren. Nur ganz wenige von ihnen wurden nach Kriegsende des Landes verwiesen, und die Internierung der meisten beschränkte sich auf eine Zeit stiller Zurückgezogenheit in einem Hotel. Gewiß, das Geschäft hat darunter gelitten und die angelsächsische Konkurrenz ist inzwischen fast übermächtig geworden, aber der deutsche Kaufmann kann doch seit Jahren, ganz im Gegensatz zu den meisten übrigen Ländern der Welt, wieder mit dem Aufbau beginnen.

Ein Blick auf die Karte zeigt deutlich den Grund: für diese bevorzugte Behandlung, die das Land zwischen China, Indien, Burma, Indochina und Malaya erfuhr: es ist die entscheidende strategische Bastion Südostasiens, ein Réduit wie die Schweiz in Europa mit dem großen Vorteil, gute Häfen sowohl am Gelben Meer wie am Indischen Ozean zu besitzen. Sobald Mao Tse-Tung sich Südchinas bemächtigt haben wird, dürfte diese bedeutende Rolle Thailands noch klarer zutage treten: Keine der europäischen Kolonien oder Dominien in Südostasien könnte sich auch nur kurze Zeit halten, wenn Thailand kommunistisch würde.

Inzwischen lebt der durchschnittliche Thal, der in acht von zehn Fällen Reisbauer und in einem von zehn Fällen Prinz ist, ruhig und in einer Periode verhältnismäßigen wirtschaftlichen Wohl; standes recht zufrieden dahin. Das Land, etwas größer als Frankreich, ist überwiegend, ein Bauernland. Im Gegensatz zu allen übrigen Lindern Asiens ist der Bauer hier jedoch wirklich Bauer in unserem Sinn; freier Besitzer seiner Scholle, die groß genug ist, um ihn bei seinen bescheidenen Ansprüchen zu ernähren. Die Herrschaft – schon von einer etwa unserem Landrat vergleichbaren Stufe an – liegt freilich in Händen der zahllosen Prinzen, die aber eine weitgehend aufgeklärte und liberale Aristokratie dirstellen. Kein Wunder, daß der Kommunismus unter den Thai kaum Anhänger findet – er ist ihnen auch viel zu anstrengend ...

Ein ernstes Problem hingegen stellt die große chinesische Minderheit dar, die mit über drei Millionen Köpfen ein Fünftel der Bevölkerung umfaßt, und zwar das aktivste, geistig und wirtschaftlich regste Element. Bisher waren diese Auslandschinesen immer der politischen Entwicklung im Mutterland gefolgt. Und auch heute rekrutiert sich die siamesische kommunistische Partei aus ihnen; im Fall eines kommunistischen Angriffs aus, China könnten sie eine äußerst gefährliche 5. Kolonne darstellen. Darum hat Marschall Pibul strenge Maßnahmen gegen sie ergriffen. Er verbot, die Kommunistische Partei, eine weitere chinesische Einwanderung und schokierte bisweilen, seine neuen westlichen Freunde, indem er schlechthin in jedem Demokraten und Liberalen einen Kommunisten witterte, Den Kommunisten selbst tut er dabei allerdings nicht allzu weh – die Methoden, mit denen eine verbotene, KP in den "Untergrund" geht und in der Illegalität meist besser zusammenhält als während, des offiziellen Bestehens, sind schließlich oft erprobt. Und die Gebirgsgrenzen im Norden und Osten des Landes vermag selbst die ausgezeichnete thailändische Armee nicht zu schließen. Nicht umsonst ist Bangkok zugleich Sitz des Südostasiatischen Verteidigungsau sschusses, dem englische, französische, amerikanische und thailändische Offiziere angehören, und der Kominformzentrale für Südostasien – Bangkok, die Hauptstadt des "Landes der Freien" ...

Peter H. Schulze