Badenweiler hat mit dem Badenweiler Marsch nicht mehr zu tun als Bismarck mit dem Bismarckhering. Das Tamtata paßt auch nicht hierher, denn seit dem Jahre 1678, als die Franzosen die alte Burg in die Ruine verwandelten, die dem Kurpark zur romantischen Zierde gereicht, stand Herr Mars nicht mehr auf der Fremdenliste. Das Kriegerischste weit und breit ist ein großes buntes Schild: Armee Française, Sanatorium. Im Klima von Badenweiler kann auch eine Armee nur gegen Rheumatismus kämpfen. Das hat eine andere Besatzungsarmee – nämlich die römische – schon hundert Jahre nach Christum gewußt. Sie fand eine warme, radioaktive Quelle, die gleiche, die noch heute in Wannen- und Schwimmbäder fließt, und baute einen mächtigen Palast um sie herum. In Kalt- und Warmbädern, Dampf-, Schwitz- und Mineralbädern entfalteten die römischen Herren und Damen einen Badeluxus, als wären sie daheim in Bajäs Thermen. Die Alemannen sagten, als die Römer abgezogen waren, sie seien nicht so unsauber und hätten nicht nötig, alle Tage zu baden, Aber für die marmornen Bausteine hatten sie Verwendung, sie trugen sie so weit ab, daß schließlich nur eine langgestreckte, niedrige Ruine von dem römischen Aquae Villarum blieb. Viele Jahrhunderte deckten die Trümmer zu mit Gras und Gestrüpp. Ende des 18. Jahrhunderts wurden sie ausgegraben, und jeden Donnerstagnachmittag ab 16 Uhr kann man sie für dreißig Pfennig besehen.

Das heutige „Römerbad“, das eleganteste und größte Hotel am Eingang zum Kurpark, nennt sich das Zentrum des internationalen Reiseverkehrs. In der Tat findet man in seiner Fremdenliste fast ebensoviel Namen von Schweizern und Amerikanern wie von Deutschen. 160 Betten hat das Römerbad, aber es sind nicht alle belegt, obwohl die Pensionspreise auf 15 D-Mark, in den anderen Häusern auf 8 bis 12 D-Mark heruntergegangen sind. 2000 Fremdenbetten hatte das kleine Badenweiler vor dem Krieg, mehr als die große Kurstadt Aachen, und sie reichten in der Saison nicht einmal aus. Nun stehen, nach Freigabe durch die Besatzungsmacht, die für sich rund 500 Betten behielt, während weitere 500 im Kreiskrankenhaus und in Wohnungen aufgestellt sind, wieder 1000 Betten für den Fremdenverkehr zur Verfügung, aber 300 davon sind leer.

Die Kurverwaltung ist ganz zufrieden, etwa 700 Kurgäste – das ist nicht schlecht in diesen Zeiten. Und was treiben sie? Vor allen Dingen steigen sie in Wannen- und Thermalschwimmbäder oder lassen sich in Mineralschlamm packen, um „die Verstopfung innerlicher Glieder zu eröffnen“. So nennt es eine alte Heilanzeige; die moderne verspricht Heilung bei Erkrankungen des Herzens, der Gefäße und Nerven, des Stoffwechsels, bei Gicht und Rheumatismus, nicht infektiösen Erkrankungen der Atmungswege – und natürlich Erholung für alle Rekonvaleszenten. Wenn abends die kleine Parkbeleuchtung eingeschaltet wird und das Kurorchester spielt den Obersteiger und das Schwarzwaldmädel, ist alles wie 1913. Nur das Geld, das knappe Geld! Früher blieben die Fremden drei bis vier Wochen, heute bleiben sie vierzehn Tage.

Geht man den Berg hinan, wird es billiger. Die Fernsicht ist kostenlos, man sieht im Westen die Ketten der Vogesen, im Süden die Schweizer Alpen, dazwischen die Obstgärten und Rebhügel des Markgräfler Landes, und mitten darin Badenweiler, das „Paradieslein und Musterchärtlein“, wie es J. P. Hebel treffend benannte. Das Paradieslein liegt auf halbem Weg zwischen Basel und Freiburg, zehn Kilometer von der französischen, zwanzig von der Schweizer Grenze entfernt; der mächtige Buckel des Schwarzwaldes schützt es gegen scharfe Winde, und von Westen her, durch die Burgundische Pforte, strömt das milde Klima herein, das es zum frühesten Kurort Deutschlands macht. Sein Ehrgeiz, vom nächsten Jahr ab Karlsbad, Franzenbad oder die Stadt des Gouvernement Militaire, Baden-Baden, zu ersetzen, scheint Erfolg zu haben. K. Fa.