Von Iwan N. Minisehki

Von den großen Schauprozessen, die 1937 gegen den Oberbefehlshaber der Roten Armee, Tuchatschewsky, und gegen die Mitarbeiter Lenins aus der Revolutionszeit in Moskau stattfanden, bis zu dem Gerichtsverfahren, dessen Opfer vor kurzem der ungarische Kardinal Mindszenty wurde, haben immer wieder die Geständnisse der Angeklagten vor kommunistischen Richtern, Geständnisse, die oft geradezu phantastisch waren, in der Welt Aufsehen und Verwirrung hervorgerufen. Dipl.-Ing. Minisehki, der seinen Sturz aus einer hohen Sowjetposition in die Tiefe der Sowjetgefängnisse in der letzten Ausgabe der „Zeit“ geschildert hat, lüftet den Schleier dieses Geheimnisses, Seine Erlebnisse im Tangan – Gefängnis zeigen, daß die teuflischen Methoden der NKWD-Beamten jede Aussage erzwingen, weil der Gefangene nach kurzer Zeit überzeugt ist, daß die Folterungen weitergehen werden, bis er unterschrieben hat

Unter den Insassen der Zelle Nr. 449 befanden sich auch einige Bulgaren, darunter zwei Gärtner, die schon vor 1914 nach Rußland gekommen waren und, als sie, wie ich, zur Heimkehr auf der bulgarischen Gesandtschaft ein Visum beantragt hatten, verhaftet worden waren. Einen dritten Ingenieur, der sogar Stachanoff-Aktivist war, hatte man gleich bei der ersten Vernehmung zum Krüppel geschlagen. Der vierte, Peter Alexoff, Kommunist, Teilnehmer am bulgarischen Aufstand 1923, hatte es, obwohl von Beruf Schuster, in Moskau zum Maschineningenieur gebracht. Er wurde Anfang 1938 verhaftet. Alexoff berichtete mir über die Art der Vernehmungen im Tanganschen Gefängnis. Er hatte bereits einiges hinter sich und sagte, daß er nicht besonders viel geschlagen wurde, da er sofort „geständig“ war und seine Zugehörigkeit zu irgendeiner konterrevolutionären, faschistischen Organisation zugegeben hatte.

„Vernommen wird man meistens nachts“, sagte er mir. „Zunächst werden Beschuldigungen angeführt, die aus einer Reihe von Standardfragen bestehen und jedem Verhafteten vorgelegt werden ... Welcher konterrevolutionären Spionage-, trotzkistischen oder Schädlingsorganisatäon haben Sie angehört? Wer hat Sie für diese Organisation angeworben? Und wen haben Sie dazu herangezogen? Welche Schädlingstätigkeit haben Sie durchgeführt, und wen von den bolschewistischen Führern wollten Sie ermorden? Welcher Art waren die Spionagenachrichten, die Sie gesammelt haben, und wohin haben Sie diese Nachrichten gerichtet?

Das sind zum Beispiel die Beschuldigungen, die man gegen Sie anführt, und wenn Sie sich weigern, das Protokoll zu unterschreiben, so wird man Sie schlagen und foltern, und zwar in gemeinster und grausamster Weise bis zur Bewußtlosigkeit, und wenn es sein muß, bis zum Tode... Gewöhnlich vernimmt der Untersuchungsrichter persönlich. Wenn Sie aber nur den geringsten Widerstand leisten, so kommen ihm sofort zwei bis drei „Spezialisten“ zu Hilfe. Schauen Sie, wie viele verkrüppelte Leute in der Zelle herumliegen. Ihr Widerstand hat ihnen nichts genützt. Schließlich haben sie doch alles unterschrieben, was von ihnen verlangt wurde.“

Zum Schluß sagte Alexoff: „Ich gebe Ihnen einen freundschaftlichen Rat, Genosse. Wenn Sie diese Zelle mit einigermaßen gesunden Knochen verlassen wollen; so müssen Sie selbst irgendeinen ‚Roman‘ erfinden. Seien Sie vernünftig, retten Sie zunächst Ihr Leben und überlassen Sie alles weitere der Zukunft.“

„Erlauben Sie, das ist doch reiner Unsinn“, schrie ich auf, „ich kann doch nicht irgendeinen Roman erfinden und mich selbst verleumden! Das ist doch schließlich kein Scherz!“