Noch nie Ist der Tatbestand „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ auf deutschem Boden gegen einen Nichtdeutschen geltend gemacht worden. Aus dieser Tatsache haben viele den Schluß gezogen, daß die Anwendung des neuen strafrechtlichen Begriffes nach zweierlei Maß erfolge. Sie meinen, es sei eben das Recht des Siegers gegen den Besiegten – gewissermaßen erfunden um die Deutschen auch überall dort, wo das normale Strafrecht nicht ausreiche, zur Rechenschaft zu ziehen, während die Taten der Sowjets in den Ostgebieten ungesühnt blieben.

Der Begriff des Verbrechens gegen die Menschlichkeit könnte aber zu einer so wichtigen Bereicherung des internationalen Rechtes werden, daß man seine Einbürgerung nicht durch verfrühte Kritik stören sollte. Wenn es auch aussichtslos sein mag, darauf zu hoffen, daß Verbrechen gegen die Menschlichkeit im sowjetischen Machtbereich bei deutschen und alliierten Staatsangehörigen gleichermaßen geahndet werden, so können wir doch mit Fug und Recht erwarten und müssen darüber wachen, daß dies im Westen geschieht. Die Besatzungsmächte, die uns seinerzeit die Säuberung abgenommen haben, werden uns – so hofften wir – dabei helfen, die Sauberkeit auch weiterzuerhalten.

Werden sie das wirklich? Vor kurzem wurde In dem DP-Lager in Murnau, Oberbayern, der ehemalige Sekretär der Kanzlei des Präsidenten Benesch, Frantisek Kroupa, von einer Anzahl Sudetendeutscher wiedererkannt. Er hatte 1945 als nationaltschechischer Kommissar in der Uranstadt St. Joachimsthal die Potsdamer Beschlüsse über die Vertreibung von drei Millionen Deutschen und die Aufforderung des Prager Senders! „Tod allen Deutschen“ in unvorstellbar bestialischer Weise durchgeführt. Aber die Sporen, die er sich damit verdient hat, waren den heutigen Machthabern in der Tschechoslowakei anscheinend noch nicht blank genug. Darum sah er sich genötigt, die Flucht zu ergreifen. Den Deutschen in Murnau gelang es eindeutige Beweise dafür zu erbringen, daß Kroupa nicht nur eine große Anzahl von Deutschen foltern und verstümmeln ließ, sondern daß er auch in einigen namentlich erwiesenen Fällen die nicht mehr lebensfähigen Opfer durch Genickschuß oder Erhängen hat umbringen lassen. Grund: Sie waren Deutschem

Die deutsche Polizei aber, die Frantisek Kroupa verhaftet hatte, um ihn wegen Mordes und Verbrechens gegen die Menschlichkeit vor ein Gericht zu stellen, erhielt von der US-Militärregierung den Befehl, ihn wieder freizulassen. Er sei DP und unterstände nicht der deutschen Gerichtsbarkeit. Wegen dieser formaljuristischen Bedenken soll also ein ausgemachter Kriegsverbrecher ungestraft frei herumlaufen? Ein Mann, der sich nicht hinter der Gehorsamspflicht des Untergebenen verstecken kann, sondern der als Kommissar selber die verbrecherischen Befehle gab und ihrer Durchführung persönlich beiwohnte? Und dies nur weil er einen tschechischen Paß in der Tasche hat? Das allerdings würde wirklich bedeuten, daß mit zweierlei Maß gemessen wird. C. D.