Das deutsche Erziehungswesen war ursprünglich ein Resultat der Aufklärung und des Humanismus, der zwei feinsten Äußerungen deutschen Geistes. Die pädagogischen Grundsätze eines Volkes tragen wesentlich zu der soziologischen Struktur des Staates bei, den sie propagieren, und der sie seinerseits benutzt, um sich an der Macht zu halten. Auch die deutsche Erziehung ist ein wesentlicher Spiegel deutscher Struktur und Geschichte geworden. Ein nationalistisches Bewußtsein völkischer Existenz, ein blinder Gehörsam für den Obrigkeitsstaat, die Verherrlichung körperlicher Leistung, die Abneigung gegen den individuellen Intellekt und die Glorifizierung der überdurchschnittlichen Persönlichkeit’ haben den humanistischen Gehalt Humboldtscher Grundsätze überlagert. Deutschland ist in Preußen aufgegangen. Die deutsche Erziehung hat das humane Ideal eines Goethe verwässert und dafür das Gehorsamkeitsideal preußischer Pflichterfüllung – angenommen. Nirgendwo ist mehr und besser gelehrt worden als auf deutschen Schulen, aber auch nirgendwo war der Inhalt einer Erziehung lebensfremder. Während das Ziel aller englischen Erziehung die Kunst, zu leben, und damit die freiwillige Übernahme voll verantwortlicher Staatsbürgerpflichten ist, haben der preußische Oberlehrer, die deutsche Turnhalle und die allgemeine Wehrpflicht nur kritiklose Untertanen gezüchtet. Seit den Tagen der Aufklärung hat es zwar Fortschritt und Reaktion in der deutschen Geschichte gegeben, aber niemals eine elementare Revolution, die die Fundamente der bestehenden Gesellschaft und damit die autoritäre Lebenseinstellung deutscher Pädagogik radikal zerschlagen hätte.

Dies ist das Thema eines englischen Buches „Education and Society in Modern Germany“ (Kegan Paul), dessen Verfasser die englischen Dozenten Hinton Thomas und Samuel sind, die beide in der Erziehungsabteilung der britischen Besatzungsarmee gearbeitet haben. Sie versuchen eine Soziologie moderner deutscher Erziehungsprinzipien zu geben, indem sie deren Inhalt, ihre Ideale und Resultate analysieren und sie an der politischen Geschichte ihrer Zeit messen. Das erste Kapitel, das sich mit der Ideengeschichte befaßt, ist so brillant geschrieben, daß es in jeder deutschen Prima gelesen werden sollte. Ausgezeichnete Abschnitte sind den deutschen Schultypen und ihren Lehrplänen gewidmet. Kapitel über den Lehrertyp stimmen melancholisch, da dessen prinzipielle Bestimmung die eines Handlangers des Obrigkeitsstaates war. Der Abschnitt über die Universität ist, wie nicht anders zu erwarten war, in düsteren Farben gehalten. Die deutsche Universität ist von einer „civitas humaniorum“ zu einer Gelehrtenoligarchie geistiger Reaktion und politischer Engstirnigkeit verkümmert, als Lehrstätte praktischer Lebenskunde kaum noch zu zählen.

Der Vorteil des Buches liegt in der eingehenden dokumentarischen Begründung und einer ausgezeichneten Bibliographie. Es ist ein hervorragendes Quellenwerk, dem leider nur jede kritische Analyse und eigene Stellungnahme fehlen. Es reizt zu dauernden Fragen an, oft auch zu lebhaften Widersprüchen, ohne daß die Neugier des Lesers befriedigt wird. Als Diskussions-– material für alle diejenigen, die an der Neuschöpfung deutscher Erziehung interessiert sind oder gar Verantwortung dafür tragen, ist es unersetzlich. Deswegen sollte auch ein deutscher Verlag eine Übersetzung vorbereiten. Denn niemals kann das Ausland zum „praeceptor Germaniae“ werden. Ein solcher kann nur aus den deutschen Reihen kommen. „Wo aber können“ – so fragen ‚The Times – „solche Reformatoren gefunden werden, wenn sie nicht aus einer reformierten Erziehung stammen? Es ist inzwischen nur zu klargeworden, warum die Diskussion über eine deutsche Umerziehung nicht länger aktuell ist.“ Alex Natan