Gewöhnlich bereiteten sich die Insassen der Zelle gegen 9 Uhr abends zur Nachtruhe vor. Ich hockte apathisch in der Ecke. Bisweilen wurde die eiserne Tür der Zelle geöffnet. Irgend jemand wurde zum Verhör gerufen. Drei Tage hatte ich nicht geschlafen, trotzdem befand ich mich in einem merkwürdigen Zustand. Ich .fand trotz völliger Erschöpfung keinen Schlaf, aber es war auch kein Wachsein, in dem ich mich befand. Ohne Zweifel, hier ging etwas Unglaubliches vor.

Vielleicht ist das nur ein Traum, dachte ich mehrmals. Ich hob den Kopf und stellte fest, daß ich weder schlief noch irrsinnig war, sondern mich inmitten einer Gespensterwelt befand. –

In der Nähe lag ein vollständig verkrüppelter, aber noch lebender Mensch. Ich weiß, er hieß Nikolai Ivanovitsch Turok. Er war Russe, bekleidete einen verantwortlichen Posten in der Sowjet-Miliz, war alter Kommunist und Teilnehmer der bolschewistischen Revolution. Während des Verhörs wurde er bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen, mit dem Stiefel in den Unterleib getreten. Nun lag er dort, stöhnte vor Schmerz und konnte sich nicht bewegen. Das war die Wirklichkeit, in der ich lebte.

Dort lag ein anderer Krüppel, Ivan Radonitsch. Er war Serbe aus dem ehemaligen Österreich-Ungarn, war als Kriegsgefangener im ersten Weltkrieg in Rußland und blieb nach der Revolution von 1917, um zusammen mit den Bolschewisten eine neue und bessere Welt zu errichten. Seine Frau, eine Russin, hätte ihm 10 Knaben geboren, so daß er von der Regierung mit einer Pension und einer Auszeichnung für Kinderreichtum geehrt wurde. Dieser Mann wurde bei einer Vernehmung im Tagerschen Gefängnis mit einem Koppel derartig bearbeitet, daß die Haut auf dem ganzen Rücken platzte. Seine Wunden konnten nicht heilen und waren von wildem Fleisch überwuchert. Radonitsch litt unglaublich. Er schluchzte fortwährend wie ein Kind: „Mein Gott, mein Gott, was haben sie aus mir gemacht? Was bin ich für ein Spion? Was soll aus meiner armen Familie werden?“

Daneben lag ein Österreicher. Sein Körper war völlig wund und verschwollen. Nach dem Zusammenbruch des Schutzbundaufstandes in Wien (Februar 1934) waren etwa 700 Schutzbündler über die Tschechoslowakei nach der UdSSR geflüchtet. Die russischen Bolschewiken, Schutzengel aller Opfer des Kapitalismus, empfingen diese österreichischen Arbeiter außerordentlich feierlich. Man brachte sie erst in die besten Kurorte zur Erholung, wies ihnen dann, je nach ihren Spezialkenntnissen, Arbeit zu. Die Wiener Genossen sahen sich das Arbeiterparadies eine Zeitlang an, dann bekamen sie Sehnsucht nach ihrer kapitalistischen Heimat. Wie viele von ihnen der NKWD entronnen sind, ist unbekannt. Die Verbliebenen fielen jedoch zum größten Teil grausamem Terror zum Opfer.

Dort an die Wand gelehnt stand ein Ingenieur, ein Jude. Er war grün und blau geschlagen. Dort ein russischer Chauffeur, vollkommen blau und verschwollen. Und dort ein Arzt – der Direktor eines der größten Krankenhäuser. Ferner drei alte Moskauer Rechtsanwälte: Bardin, Karawja und Alexjeff. Der Theaterkritiker und Literaturhistoriker Podolski und viele, viele andere – Und alle waren zerschlagen und von den Foltern vollkommen apathisch; alle hatten ihr „Geständnis“ abgelegt. Sie hatten gestanden, Mitglieder der unmöglichsten konterrevolutionären, terroristischen oder trotzkistischen Organisationen zu sein Alle diese Unglücksgestalten umgaben mich: der eine lag ausgestreckt auf dem Zementfußboden, andere schliefen im Sitzen, der Rest bewegte sich auf engem Raum.

Grob gerechnet befanden sich zur Zeit meiner Inhaftierung im Tagan-Gefängnis dreißigtausend Menschen dieser Art. In ganzRußland – Millionen.