Von Kurt Karl Doberer

Vier Expeditionen haben bis heute nach dem seit 1925 mit seinen beiden europäischen Begleitern im unerforschten Inneren Brasiliens verschwundenen Oberst P. H. Fawcett vergeblich gesucht. 1932 meldete sich beim britischen Konsul in São Paulo der Schweizer Stephan Rattin nach einer abenteuerlichen Expedition in das Herz des Motto Grosso und behauptete, Fawcett als Gefangenen eines Indianerstammes gesehen zu haben. Aber weitere Expeditionen, die daraufhin unternommen wurden, verliefen ergebnislos. Oberst Fawcett blieb verschollen in dem unerforschten Gebiet, in dem er die „verlorene Stadt“ hatte finden wollen. Jene Stadt, von der in dem berühmten Manuskript „512“ der Bibliotheca National in Rio de Janeiro die Rede ist: portugiesische Abenteurer, die Gold und Silber suchten, entdeckten sie vor rund zweihundert Jahren, und von ihnen stammt dieser Bericht. Sie hatten ihn vorausgeschickt und haben selbst ihre Heimat nie mehr wiedergesehen. Seit dieser Zeit ist die seltsame Stadt nicht mehr gesehen worden. Aber Fawcett wird sicher nicht der letzte gewesen sein, den das Studium des Manuskriptes „512“ zu gefährlichem Unternehmen reizt, ein Geheimnis dieser Erde zu lösen...

Im Jahre 1743 hatten sich sechs Portugiesen, Einwohner der Provinz Minas Geraes, zusammen mit einem Dutzend Negersklaven und einer Karawane von zwanzig bis dreißig Indianern aufgemacht, um die verschollenen Silberminen des Melchior Dias Moreya, der unter dem Namen Moribeca in der Geschichte bekannt ist, wieder aufzufinden. Die Expedition machte sich wahrscheinlich vom Rio São Francisco auf, am erst einen seiner Nebenflüsse entlang, schließlich über die langen Bergketten nach Nordwest in Richtung des Matto Grosso vorzustoßen. Wohin sie dauerte weiß man heute nicht mehr. Jedenfalls dauerte ihre Expedition ein Jahrzehnt. Nach dieser Zeit waren sie wieder ostwärts bis an den Oberlauf des Pareguassu gelangt. Das ist jener Strom, der beim Golf von Bahia, an dem die damalige Hauptstadt São Salvador lag, in den Atlantik mündet. Vom oberen Pareguassu aus schickte der Leiter der Expedition durch einen indianischen Boten einen Bericht. Es ist der Bericht, der als Manuskript 512 in der Bibliotheca Nacional in Rio de Janeiro aufbewahrt wird. Durch ihn ist die Nachricht von dem Bestehen einer Ruinenstadt im unbekannten Innern Brasiliens der Nachwelt übermittelt worden.

Der Bericht sagt, daß die Expedition, nachdem sie auf dem Rückwege nach dem Osten den als Catinga bekannten dichten, trockenen Waldgürtel verlassen hatte, in das Gebiet der Gras-Pampas gekommen war.

In dieser Gegend kamen die Schatzsucher an ein steiles Plateau mit jäh abfallenden Wänden. Es war nach einem Regen. Die untergehende Sonne warf vom Westen her ihre letzten Strahlen an die Klippwände und brachte die dort eingesprengten Bergkristallnester zum Aufleuchten. Dies betrachtete die Expedition als ein himmlisches Zeichen, daß hier die so lange gesuchten Minen des Moribeca liegen mußten. In freudiger Erregung wurde Lager geschlagen. Am nächsten Morgen zeigte sich jedoch, wie schwierig es war, das Plateau zu erklettern. Einen ganzen Tag – etwa fünfzehn Kilometer – war die Gruppe am Fuß der Felswand südwärts gewandert. Felsbrocken mußten überklettert werden. Zahlreiche Klapperschlangen erschreckten sie. Am Spätnachmittag schlug der Führer der Abenteurer vor, aufzugeben und an ihren alten Platz zurückzukehren, von dem man am Tage vorher auf das Plateau gestoßen war. Man schlug Lager am Fuß jener weißen, farbig durchsetzten, da und dort aufblitzenden Felswand, um den Rückweg am nächsten Morgen zu beginnen.

An diesem Abend entdeckte jedoch einer der Gruppe beim Sammeln von Feuerholz eine Spalte, die einen bequemen Aufstieg versprach. Die Expedition unternahm den Aufstieg sofort. Die Spalte erweiterte sich in ihrem Verlauf und schien künstlich bearbeitet. Kurze Strecken waren wie gepflastert, und die lose herumliegenden Steine schienen auf einer Seite abgenutzt. Auch die Wände der Schlucht waren da und dort offensichtlich behauen. Die Indianer der Gruppe hielten sich mißtrauisch zurück.

Nach drei Stunden Aufstieg hatte der Pfad schon die Schlucht verlassen und wand sich an einem Hügelrücken empor. Von hier aus hatte die Expedition einen weiten Blick über einen nach Nord und Nordost sich erstreckenden Wald. Im Süden zog sich die Bergkette hin, deren nackte Quarzspitzen wie Schnee glänzten. Vor den Füßen der Expedition lag eine grüne Ebene, die mit silbernen Wasserflächen durchsetzt war. In der Ebene lag eine Stadt, in die sich der weiße Streifen loser Steine hineinschlängelte.