Man könnte sagen: die Zwischenrufe, die in Wahlversammlungen gemacht werden, sind bezeichnend für die Qualität einer Demokratie. Aber die Zwischenrufe, die bei uns „üblich“ sind, lassen sich zumeist nur als Ausschußware bezeichnen.

Man muß zunächst zwischen echten und unechten Zwischenrufen unterscheiden. Unechte Zwischenrufe sind getarnte Störversuche; oft sind sie nur das Kommando für eine Meute, die auf der Lauer liegt, um Lärm zu machen – Lärm um jeden Preis. Der echte Zwischenruf hingegen ist eine blitzschnelle Reaktion auf Darlegungen des Redners, die zündet und Rede und Diskussion anfeuert. Ein gelernter Zwischenrufer von Format ist Professor Carlo Schmidt. Um ein Beispiel zu nennen: sein Zwischenruf bei der Debatte über die Prügelstrafe in den Schulen Bayerns: „Da haben sie ja auch Krachlederne ...“, muß als klassisch bezeichnet werden, weil er in witziger Form ein Gegenargument ist, daß dem Gegner Wind aus den Segeln nimmt, ein Sprengstoff, der aus der Lebhaftigkeit des Geistes kommt, und nicht aus dem Glauben an den Segen von Blödheit und Gewalt.

Was hingegen soll man dazu sagen, wenn dem Direktor für Wirtschaft, Prof. Erhard, der auf einer Wahlversammlung sprach, und dessen Darlegungen sich durch menschliche Anständigkeit und sachliche Argumentierungen auszeichneten, ein Dummkopf mit dem Zwischenruf: „Was verdienst du denn, du Fetter?“ in die Parade zu fahren sucht. Man kann da nur den Kopf schütteln! Und die Versammlung tat es auch, und der Zwischenrufer befand sich schnell in geistiger Isoliertheit.

Was den unvoreingenommenen Betrachter und Besucher von Versammlungen auffällt, ist: wie unpopulär die Toleranz ist. Der Glaube an die Unbedingtheit der jeweils vertretenen Ansicht neigt dazu, jede andere Meinung als eine persönliche Beleidigung, ja als ein Unrecht zu betrachten. Es fehlt erstaunlicherweise jeder Sinn für die Abgewogenheit von Meinung und Gegenmeinung. Um einen Begriff aus der Mathematik zu verwenden: man versucht der Wahrheit (oder dem Fortschritt) nicht durch Interpolation nahe zu kommen, sondern man versucht den anderen mit dem zu erschlagen, was man momentan gerade für die Wahrheit (oder den Fortschritt) hält.

Erstaunlich ist auch, wie gering menschliche Anständigkeit im Kurs steht. Es fehlt fast jedes Organ dafür. Die „menschliche Anständigkeit“ (ein Phänomen, das gar nicht hoch genug gepriesen werden kann, wo immer man ihm begegnet) wird in der Ära der Wahlversammlung gen vielfach von den „Bossen“ genau so durch den Wolf gedreht wie alles andere. Unter all diesen Tatbeständen leider-natürlich die Kultur der Zwischenrufe. Sie bleiben zumeist in der Sphäre der persönlichen Verunglimpfung stecken. Das Windausdensegelnnehmen wird vorwiegend in der Form betrieben, dem anderen das Segel zu zerfetzen. (Ich persönlich glaube, daß die Engländer deswegen so gute Demokraten sind, weil sie so gute Seefahrer sind. Sowohl die Seefahrt als auch die Demokratie haben die vorbildliche Entwicklung des Instinkts für Gefahren und sportliche Fairneß nötig. Sie brauchten die klare Erkenntnis von der Macht des Meeres beziehungsweise des Lebens. Beide, will mir scheinen, sind oft jeder Kreatur feindlich gesonnen, wogegen nur Zusammenhalten hilft.)

Eins ist festzustellen: wenn die Zwischenrufe in der politischen Ära dieselbe Qualität hätten wie diejenigen, die man beim Sport hört, so wäre ein wesentlicher Fortschritt erzielt. Beim Sport sind die Leute wirklich mit Herz und Seele dabei. Und welch lebendiger Protest erschallt bei, „Unkorrektheiten“. Die Zwischenrufe beim Sport sind echt! Da wäre jener „klassische“ Zwischenruf beim Marathonlauf 1936 zu nennen: das riesige, überfüllte Berliner Stadion war in fiebernder Erregung. Die Läufer waren draußen im Land unterwegs auf der Strecke. Es zog sich allzulange hin, die Leute wurden unruhig. Der Lautsprecher berichtete in kurzen Abständen, wo die Läufer waren. Die Erwartung stieg. Der Sprecher wurde auch immer nervöser. Schließlich dröhnte die Stimme des Ansagers: „Ich kann nun vermelden: der erste Läufer befindet sich jetzt vor dem Tor des Stadions!“ Da kam der Zwischenruf: „Mensch, lass’n rin!“ Die Heiterkeit, die die Bemerkung auslöste, war unbeschreiblich und erlösend. Axel Use