„Wir haben jetzt eine halbe Stunde Ruhe, und in dieser Zeit überlegen Sie die Fragen genau. Ich werde Sie später noch einmal zu mir einladen, um das Protokoll aufzusetzen.“ So sagte der Untersuchungsrichter in einem Ton, der keinerlei Widerspruch duldete

Er rief den Gefängniswärter und ich wurde in die Zelle 449 zurückgeführt.

Als ich meine Zelle betrat, brach ich gleich an der Tür zusammen. Meine Freunde halfen mir, richteten mich auf, und legten mich auf eine Pritsche. Irgend jemand trat mir seinen Platz ab. Ich fühlte eine unendliche Liebe zu diesen Menschen. Das waren echte Freunde, und ohne Zweifel waren sie ebenso unschuldig wie ich. Einige befühlten meine Hände und Füße, die anderen besorgten Wasser, irgend jemand bettete meinen Kopf auf einem Kleiderbündel. Sie befragten mich, ich konnte aber nicht antworten. Kehle und Zunge waren wie gelähmt. Ich wollte weinen, meine Tränen waren jedoch versiegt

Nicht minder schlimm als meine körperlichen Schmerzen war meine seelische Verzweiflung. Mich überkam ein großes Schamgefühl. Bis vor kurzer Zeit war ich selbst ein treues Mitglied dieser Partei, in deren Namen alle Grausamkeiten verübt wurden, die ich eben erleben und erdulden mußte. Auch ich konnte mich demnach von der Verantwortung für diese Geschehnisse nicht freisprechen.

Im gleichen Augenblick öffnete sich die Zellentür, und ich hörte von neuem meinen Namen. Entsetzen erfüllte mich. Ich war bereit, in jedes Konzentrationslager zu gehen und dort mein ganzes Leben zu verbringen, aber vor dem höllischen Kellergewölbe hatte ich eine unbeschreibliche Angst. Ich zitterte wie im Fieber.

Der Untersuchungsrichter hatte das Protokoll bereits fertiggestellt. Auf den Formularen standen meine Personalien, und einige Einzelheiten aus meinem Lebenslauf, und dann folgten die Fragen: Geben Sie zu, Mitglied einer antisow jetischen, trotzkistischen Spionageorganisation bei der bulgarischen Sektion der Komintern gewesen zu sein?

Als ich diese Frage gelesen hatte und die fertig dahinter stehende Antwort begriff, war ich einfach sprachlos.

„Wie kommen Sie dazu, zu glauben, daß ich Mitglied einer antisowjetischen Organisation gewesen bin“, fragte ich.

„Erkennen Sie die gegen Sie erhobene Beschuldigung an oder nicht? Werden Sie unterschreiben? Ja oder nein?“ brüllte der Untersuchungsrichter.

„Es fällt mir gar nicht ein, einen derartigen Unsinn zu unterschreiben“, antwortete ich. „Mit welcher Begründung...“

„Ach so! ... Du willst noch Begründungen haben! Ich werde dir eine Begründung vorsetzen, an die du das ganze Leben lang denken wirst.“

Wieder holte er seinen Gummiknüppel hervor, und wieder regnete es Hiebe.

„Ich bin kein Faschist und kein Spion!“ jammerte ich und versuchte wieder mit erhobenen Händen meinen Kopf vor den Schlägen zu schützen. „Ich bin ein alter Kommunist und ein ehrlicher Mensch. Sie haben nicht das geringste Recht, eine derartig phantastische Beschuldigung zu erheben!“

Der NKWD-Mann bekam einen neuen Wutanfall. „So, deiner Meinung nach verhaften wir also Kommunisten und ehrliche Menschen. Du willst also die NKWD verleumden und schlechtmachen!“

Und wie zur Strafe für meine Vermessenheit, daß ich die NKWD, dieses bewährte Instrument der Stalinschen Macht, beleidigt hatte, regnete es wieder endlose Schläge. Die Quälerei dauerte vielleicht zwei Stunden... Ohne etwas erreicht zu haben, entließ mich der Untersuchungsrichter schließlich, und ich wurde wieder in die Zelle zurückgeführt.

In der nächsten Nacht wiederholte sich das gleiche Schauspiel, Mein Körper war grün und blau, die Schmerzen waren fürchterlich. Neun Nächte hintereinander wurde ich zu den Vernehmungen geführt. jedesmal schlug mich der Untersuchungsrichter fünf bis sechs Stunden. Er machte nur kurze „Ruhepausen“, um zwischendurch eine Zigarette zu rauchen. Endlich hatte er mich so weit. Ich folgte dem Beispiel der anderen und dichtete einen „Roman“. Auf einem Fetzen Papier, den mir der Sadist zur Verfügung stellte, schrieb ich folgendes auf: Der Beamte der bulgarischen Gesandtschaft in Moskau, mit dem ich Verhandlungen über meine Rückkehr in die Heimat führte, habe mir vorgeschlagen, ihm Angaben über die Art meines Dienstes in der UdSSR zu machen. Ich hätte mich damit einverstanden erklärt, und wollte ihm alle verlangten Informationen nach meiner Rückkehr in die Heimat, das heißt in Bulgarien, zur Verfügung stellen.

Selbstverständlich war kein Wort davon wahr. In der bulgarischen Gesandtschaft wurde ich keineswegs über irgend etwas befragt. Kein Mensch hatte sich für die Art meiner Tätigkeit in der UdSSR interessiert.

Ich bereute meine Tat jedoch sofort nach der Rückkehr in die Zelle. Ich konnte die nächste Vernehmung kaum erwarten und erklärte dem Untersuchungsrichter, daß ich mein Geständnis zurücknehme, daß mir in der Gesandtschaft keinerlei verfängliche Fragen vorgelegt wurden und ich in Wirklichkeit völlig unschuldig sei.

Selbstverständlich begannen die Folterungen nun von neuem.

Das war also der Dank für meine langjährigen und treuen Dienste in der kommunistischen Partei... Ich kapitulierte jedoch nicht! Mir gegenüber wurde außerdem noch ein besonderer Sadismus angewandt. Der Untersuchungsrichter beschimpfte meine Frau in der gemeinsten Weise mit Ausdrücken, die gar nicht wiederzugeben sind. Das war beinahe ebenso schwer zu ertragen wie die Schläge.

Der Untersuchungsrichter, welcher mich derartig verhöhnte, hieß Kasjukoff. Nur eine Nacht wurde ich ausnahmsweise von einem anderen Berufsbanditen bearbeitet, dessen Name Jüdin war. Von den 248 Mann, die in der Zelle Nr. 449 saßen, leisteten nur ich und ein chorvatischer Häftling Widerstand und wollten kein „Geständnis“ ablegen. Alle anderen hatten ihre „Verbrechen“ gestanden. Diese Leute hatten sich also selbst die Visitenkarte als Spione, Schädlinge, Konterrevolutionäre und Trotzkisten ausgestellt. Mein und des Chorvaten Eigensinn war ihnen sogar sehr unangenehm, und die meisten waren böse, daß wir mit unserem Betragen und unserer Unversöhnlichkeit den Eindruck erweckten, daß die „Geständigen“ tatsächlich Verbrecher seien.

Am 2. April 1938 wurde ich wieder gerufen. Das war die zehnte Vernehmung. Ich wurde wieder von Kasjukoff bearbeitet. Dieses Mal zeigte er mir das Vernehmungsprotokoll eines alten bulgarischen Sozialrevolutionärs und Kommunisten, der Megnikaroff hieß. In diesem Protokoll behauptete Megnikaroff, daß er mich schon lange als Trotzkisten kenne und daß ich in den Jahren 1928 und 1930 des öfteren innerhalb der Sitzungen des Komintern den Trotzkismus verteidigt hätte.

Ich weiß nicht, ob dieses Protokoll echt war. Aber selbst, wenn Megnikaroff diese Beschuldigungen gegen mich wirklich erhoben hatte, so konnte ich mir vorstellen, mit welchen Mitteln sie erpreßt worden waren. Die Sache ist nämlich die, daß ich diesen Landsmann zum ersten und letzten Male im Herbst 1937 zu Gesicht bekam. Er arbeitete damals in der bulgarischen Sektion der Komintern. In den Sitzungen der Komintern hätte ich ihn gar nicht treffen können, weil ich niemals an diesen Sitzungen teilgenommen hatte. Es war also eine ganz eindeutige Fälschung. Erst viel später brachte ich in Erfahrung, daß Megnikaroff im Taganschen Gefängnis infolge der erhaltenen Schläge gestorben war.

Das Geständnis

Selbstverständlich weigerte ich mich, den mir vorgelegten Unsinn zu bestätigen. Daraufhin rief Kasjukoff seinen Kollegen Judin und noch einen NKWD-Mann zu Hilfe, und die drei bearbeiteten mich nun abwechselnd stundenlang. Gegen Morgen war ich so schwach, daß ich in Ohnmacht fiel. Durch Fußtritte kam ich wieder zu mir. Ein Häftling der NKWD hat kein Recht, in Ohnmacht zu fallen. Ihm werden in diesem Falle „Stützen“ gestellt. Diese „Stützung“ (das ist eine NKWD-Terminologie) wird durch Fußtritte durchgeführt, wie in meinem Falle. Torkelnd stand ich wieder auf, mußte mich an die Wand lehnen. Der junge NKWD-Mann zupfte mit einer Pinzette meine Bartstoppeln und die Haare an den Schläfen aus, indem er eintönig und spöttisch wiederholte: „Du bist allein..., wir sind viele. Lebendig wirst du hier nicht herauskommen, oder du unterschreibst das Protokoll.“

Gegen 2 Uhr nachts erschien der inzwischen verschwundene Kasjukoff. „Ach .. mein lieber, guter Minischki! Du bist noch hier!“ schrie er mit gemacht freudiger Stimme. „Aber erlauben Sie mal, Sie Armer, was ist denn mit Ihnen passiert? Du hast dich ja sehr zu deinen Ungunsten verändert. Man kann dich ja kaum erkennen, und unter deinen schönen Augen sind solch traurige blaue Flecke. Da ist ja das ganze Schwarze Meer drin! Nein, ich glaube gar, man hat dich geschlagen! Hat man dich wirklich geschlagen?“

Ich blickte ihn hilflos an und lallte vor mich hin: „Ja, Ihr Kollege hat mich in Ihrer Abwesenheit sehr gut bearbeitet.“

„Wie soll ich das verstehen? – Hat er Sie wirklich geschlagen?“

„Warum verhöhnen Sie mich“, sagte ich. „Sie wissen ganz genau, daß hier im Keller nicht gestreichelt wird.“ „Nein, nein“, erwiderte Kasjukoff, „sage, hast du wirklich Hiebe erhalten?“

„Warum fragen Sie mich?“ sagte ich nun. „Selbstverständlich hat er mich genau so gefoltert, wie Sie es getan haben.“

„Du bist geschlagen worden? Du lügst, verfluchter Hund! In der Sowjetunion ist die Prügelstrafe abgeschafft, du verdammter Kerl!“ Und beide stürzten sich von neuem auf mich.

Das war die schlimmste Nacht meines Aufenthaltes im Gefängnis. Fünf weitere NKWD-Soldaten betraten den Raum. Diese waren offenbar arbeitslos, denn die meisten Insassen des Gefängnisses der Verhaftungswelle, in die auch ich hereingeraten war, hatten bereits ihr vorschriftsmäßiges Geständnis abgelegt. – Ich war vollkommen zermürbt.

„Seht, wie er Foxtrott tanzt!“ höhnten meine Peiniger, denn das Zittern am ganzen Körper hatte sich zu einem krampfartigen Zustand gesteigert. Ich war so weit.

„Quält mich, bitte, bitte, nicht mehr“, flüsterte ich. „Bitte, was wollt ihr von mir? Ich will ja alles unterschreiben! Gebt mir doch, bitte, endlich Ruhe!“

Ich unterschrieb ein Protokoll, in dem ich bestätigte. Mitglied einer Spionageorganisation hei der bulgarischen Sektion des Komintern gewesen zu sein.

Kasjukoff freute sich sichtlich über seinen „Erfolg“, verließ den Raum, offenbar, um vor irgendeinem Vorgesetzten zu prahlen ...

Und nun noch eine Moralpredigt

Nach einer halben Stunde kehrte er in gehobener Stimmung zurück und begann, mir eine echte NKWD-Moralpauke zu halten: „Na, also, mein Lieber“, sagte er beinahe gutmütig, „mit deiner Hartnäckigkeit hast du nicht nur dich, sondern auch uns alle fast erledigt. Ich glaube, meine Hände werden noch zwei Monate lang schmerzen. Und im Grunde genommen ist ja deine ganze Sache einen Dreck wert. Du wirst ja dafür höchstens fünf Jahre bekommen. Jung bist du auch noch, hast also Gelegenheit genug zur Besserung; und ich bin überzeugt, daß du später wieder ein nützliches Mitglied der UdSSR werden wirst.“

Eine halbe Stunde lang durfte ich mich auf dem Schemel ausruhen. Apathisch hörte ich diesen eingepaukten Quatsch des Stalinschen Dummkopfes. In meinem Kopf kreiste nur der Gedanke: „Was wird nun weiter sein? Was wird man von mir noch verlangen?“

Kasjukoff arbeitete an seinem Protokoll weiter.

Frage: „Welcher Art waren die von Ihnen weitergeleiteten Spionagenachrichten?“

Antwort: „Wenn Sie so gut über meine Zugehörigkeit zu einer Spionageorganisation unterrichtet sind, so ist es wohl anzunehmen, daß Sie auch darüber genau im Bilde sind“, antwortete ich ihm.

„Du fängst wieder an zu philosophieren, du stinkender Hund!“ brüllte Kasjukoff. „Rühre dich nicht vom Fleck!“ Offenbar war es ihm aber zuwider, sich mit mir zu beschäftigen. Außerdem hatte er bereits vor seinen Vorgesetzten geprahlt, und nun sollte er wieder von vorne beginnen!

Auf seinem Gesicht malte sich eine bittere Enttäuschung. Er fragte beinahe verbindlich: „Wo hast du in der letzten Zeit gearbeitet?“

„Im Kommissariat für Schwerindustrie, auf dem Werk „Elektrokohle“.

„Was hast du im Kommissariat für Schwerindustrie gemacht?“

„Planung und Montage der Werkausrüstungen.“

Mit großem Eifer und sehr schnell füllte Kasjukoff die Rubrik bei Frage 2 aus: „Gab Spionagenachrichten über die Normen, die Planung und die Montage von Werkausrüstungen!“

Ich unterschrieb...

Damit war also endlich meine Vernehmung zu Ende, und von diesem Moment war ich nach dem Willen der Stalinschen Kreaturen in eine mit völlig unbekannte Spionageorganisation eingereiht. Kasjukoff stellte mir keine weiteren Fragen, er fürchtete wohl, daß ich von neuem widerspenstig werden könnte.

(Wird fortgesetzt)