Von unserem südamerikanischen Sonderkorrespondenten Ernst Samhaber

Santiago de Chile, im August

Unendlich weit dehnen sich die Flächen von Südamerika, das fast doppelt so groß ist wie Europa, aber nur von 90 Millionen Menschen bewohnt wird gegenüber 500 Millionen im europäischen Erdteil. Was liegt näher, als der Gedanke an einen Ausgleich der Bevölkerungen? Aus der Alten Welt mit ihrer Enge und ihrem starken Bevölkerungsdruck müssen die Menschen heraus, müssen dorthin wandern, wo noch freies Feld ihrer harrt, wo sich noch große Möglichkeiten öffnen. Das scheint so selbstverständlich, daß Millionen von Europäern von dem Wunsche erfaßt sind, ihre Heimat zu verlassen.

Sind sie sich aber eigentlich klar über das, was sie draußen erwartet und was sie damit auf sich nehmen? Sie sehen doch meist nur die trostlosen Verhältnisse in ihrem Vaterlande, sie werden von der Furcht geängstigt, ein neuer Krieg könne ihnen das Letzte rauben, was ihnen geblieben ist. Sie hegen die durch keine Erfahrung getrübte Hoffnung, im Auslande Bedingungen vorzufinden, die den Zeiten vor den Weltkriegen entsprechen, weil sie glauben, alle Schwierigkeiten in Europa seien auf die Kriege zurückzuführen. Sie kennen nicht die Veränderungen, die inzwischen in aller Welt, Auch in Übersee, eingetreten sind.

Im Vordergrund steht die Industrialisierung. Selbstverständlich bestimmt sie zur Zeit die Wirtschaft Südamerikas. Was sollen da nicht für Aufgaben gelöst werden! An Plänen und Projekten fehlt es nicht, und jeder, der irgendwie glaubt, mithelfen zu können, fühlt sich bemüßigt, neue Vorschläge zu unterbreiten. Er ist enttäuscht, wenn er abgewiesen wird oder wenn seine Anregungen in irgendeinem Aktenstück schlummern, Dabei ist die Frage der Industrialisierung mit so zahlreichen Problemen verknüpft, daß sie den Südamerikanern heute fast über den Kopf zu wachsen beginnt. In den ersten zwei, drei Jahren nach Kriegsende konnte es so aussehen, als genüge es, irgendeine Industrie aufzubauen, um sofort großen Erfolg zu haben. Es fehlten Waren aller Art, die während der sechs Jahre der Kampfhandlungen nicht erzeugt worden waren oder die nicht nach Südamerika hatten gebracht werden können. Das hat sich jedoch seit 1948 gründlich geändert.

Heute bietet das Ausland Waren aller Art in hervorragender Güte und zu verhältnismäßig günstigen Preisen an, aber es fehlt an Devisen, am sie einzuführen. Nichts einfacher, glauben da viele, als die gewünschten Artikel möglichst schnell im Inland herzustellen. Sie verkennen dabei, daß der Devisenbedarf einer Industrie im Aufbau eher größer ist, als der des Konsumenten. Die Einwanderer, die erst jetzt anfangen, neue Werke zu errichten, stoßen auf die größten bürokratischen Schwierigkeiten. Es heißt da, es wären keine Dollar vorhanden, sie werden vertröstet und immer wieder wird die Forderung erhoben, die Finanzierung durch ausländisches Kapital vorzunehmen.

Auch die Arbeiterfrage ist heute keine wirtschaftliche mehr, sondern ist längst eine politische geworden, Der Unternehmer hat es nicht mehr mit einer Gefolgschaft zu tun, mit der er sich auseinandersetzen könnte, sondern mit den Gewerkschaften, die politisch organisiert sind und hinter denen entweder mächtige Parteien oder staatliche Behörden stehen. Der Einwanderer sieht sich sehr bald in ein Netz von Intrigen verwickelt, denen er als Landesunkundiger nicht gewachsen ist. Dabei wollen wir noch nicht einmal von den Fällen sprechen, in denen ungerechte oder gar bestechliche Beamte ihm bewußt Schwierigkeiten machen, um Geld aus ihm herauszupressen.