Gw., London, im August

Wenn man in London einmal genau hinhört, dann sind es letzten Endes stets Interessenten: Golderzeuger, Besitzer von Goldminen-Aktien, öffentliche und private Verwalter von Gold, dazu die Besitzer von alten Theorien, die Bankiers „der alten Schule“, bewußte oder unbewußte Anhänger der längst überholten Auffassung, daß Gold – und sein Spiegelbild, das Geld – Selbstzweck seien und nicht Mittel zum Zweck, ein aus Bequemlichkeitsgründen zwischen Erzeuger und Verbraucher eingeschaltetes Tauschmittel: Geld als Tauschmittel brauchen wir weiterhin – aber Gold?

Gewiß, in einer ausgeglichenen Weltwirtschaft, in der alle Völker etwa gleiche Goldbestände hätten, könnte es bequemer sein, die Stabilität der verschiedenen Währungen am Goldbestand abzulesen. Und für einen wirklich freien und ausgeglichenen internationalen Austausch von Leistungen wäre es sehr angenehm, eine Reserve im Safe zu haben – die dann nur für jeweils sehr kurze Fristen anzutasten wäre.

Aber: leben wir in einer ausgeglichenen Weltwirtschaft? Oder ist es nicht so, daß alle Welt mehr von den Amerikanern an Gütern und Leistungen annehmen möchte, als man dagegen zu bieten vermag? Solange noch Gold im Kasten klingt, gibt man es den Amerikanern – statt Leistungen. Ist der Kasten leer, muß man darauf hoffen, daß die Amerikaner entweder mehr Leistungen von uns annehmen oder uns ihre Überschüsse schenken oder sie uns auf Kredit geben werden: Warum den Umweg eines „Gold-Darlehens“ für Geschenke oder Investitionen wählen?

Dies ist doch die Situation: die Amerikaner produzieren mehr an Gütern, als sie selbst verbrauchen wollen. Sie möchten ihre Produktion nicht einschränken, sondern sie – möglichst für eine Gegenleistung – an andere abtreten. In dieser Situation spricht man von Gold-Darlehen und von einer „Erhöhung des amerikanischen Goldpreises“ als Weg zu einem neuen Gleichgewicht. Südafrikas Finanzminister Havenga hat in London erklärt, der amerikanische Goldpreis von 35 $ je Unze sei zu niedrig. Es koste Südafrika heute bereits 26 eine Unze Gold zu erzeugen gegenüber 18 $ vor dem Kriege. Daher sei die Golderzeugung in sieben Jahren von 14 auf 11 1/2 Mill. Unzen zurückgegangen.

Das ist ein klares Argument – aber ein Interessenten-Argument! Südafrika klagt über die steigenden Kosten der Golderzeugung und fordert („hauptsächlich aus diesem Grunde“, wie Havenga sagt) eine Erhöhung des Goldpreises. Er will „offiziell“ diese Frage in Washington anschneiden. Havenga fragt jedoch nicht, ob die Amerikaner eigentlich Verwendung für sein Gold haben. Sie sollen ihm mehr Dollar – und das heißt doch mehr Arbeitsleistung – für sein Gold geben. Um es dann zu den übrigen 700 Mill. Unzen in den Safe zu legen!

Man könnte den Ruf nach einem höheren Goldpreis verstehen, wenn es dadurch den Amerikanern leichter gemacht würde, ihre Überschüsse zu verschenken. Aber der Kongreß wird genau wissen wollen, warum die Goldfüllung von Fort Knox plötzlich so viel teurer bezahlt werden soll – nicht um einige Prozente teurer, nein, mit 55