Von Werner Haftmann

Durch eine ganze Anzahl deutscher Städte wandert jetzt die graphische Folge "Miserere et Guerre des französischen Malers Georges Rouault. Das ist nicht nur das künstlerisch bedeutendste Ereignis dieser letzten Monate, es ist auch das menschlich erregendste. Denn der jetzt achtundsiebzigjährige Georges Rouault ist eben nicht allein eine der führenden und weltberühmten Gestalten der modernen französischen Malerei, seine Kunst wirft eine Frage auf, die auch von uns allen immer wieder gestellt wird: die Frage nach der Möglichkeit des Religiösen in der modernen Kunst. Eine ernste Frage, die uns aus dem ästhetischen Bereich des fort pour Part sogleich herausführt und, indem sie uns vor eine Grundfrage der persönlichen Existenz des Menschen stellt, die Kunst selbst in den anderen Rang des Part pour l’homme – der Kunst für den Menschen – versetzt. Betrachtet man die moderne Kunst aus dem kühlen Raum einer intellektuellen Kulturkritik, so muß es scheinen, als sei die Moderne, vermöge der ihr willentlich zugrunde liegenden Artistik, durchaus ungeeignet zur Verbildlichung des Religiösen.

Indessen – eine tiefwirkende Unruhe, eine Art dringender Sehnsucht nach dem Religiösen blieb doch jeweils unter der so offen zutage liegenden Verweltlichung der Kunst wirksam. In vielen Selbstzeugnissen moderner Künstler stoßen wir immer wieder auf so suchende Worte wie "Das Allgemeine", "Das Anonyme", "Das Unpersönliche", "Das Mythische". Paul Klee spricht von der "gleichnishaften Zusammengehörigkeit seiner Kunst zum Werke Gottes" – alles Worte wie Zeigefinger, die auf jene dringende Sehnsucht nach dem Heiligen weisen. Ließe sich nun diese dringende Sehnsucht aus der Vagheit eines allgemeinen Gefühls auf dem Boden einer religiösen Gemeinschaft vergegenständlichen, dann wäre auch eine religiöse Kunst mit modernen Mitteln möglich.

Die Kirche hat offenbar diese Möglichkeit begriffen. Viele in künstlerischen Fragen konservativ denkende Katholiken werden mit einem gewissen Unbehagen die Nachricht aufgenommen haben, daß sich der Heilige Vater von Oskar Kokoschka malen lassen wollte. Aber die moderne Bewegung innerhalb der Kirchen reicht schon sehr weit. In England hat der Bischof von Chichester eine ganz moderne Schule für religiöse Kunst eingerichtet; in der lebendigsten deutschen Kunstprovinz, im Rheinland, zieht die Kirche betont die fortschrittlichsten und modernsten Künstler für ihre Aufgaben heran. In Frankreich geht unter Führung des Abbé Morell eine breite Welle des Einverständnisses mit der modernen Kunst durch den französischen Neokatholizismus. Die wunderbare Kette neukatholischer Geistigkeit in Frankreich, die im Dichterischen von Charles Péguy bis Paul Claudel reicht, im Denkerischen von Léon Bloy bis Jacques Maritain, zieht also auch die moderne Malerei in ihren Bereich. Der unbestrittene Meister nun dieser modernen religiösen Kunst in Frankreich ist eben Georges Rouault. Und ganz in der Mitte seines Schaffens steht die große graphische Folge des "Miserere et Guerre die eben jetzt durch die deutschen Galerien wandert.

Eine dunkle, düstere, leidvolle Welt spricht uns aus diesen Blättern an – Klage, Zorn und tiefes Leid. Es sind Halbfiguren, Köpfe, dumpfe Szenen zu Zwei und Drei, der Tod, Landschaften im Dunst der Apokalypse. Diese Blätter führen seltsame, ihren Inhalt mit dichterischer Prägnanz bezeichnende Titel: – "Jean-Francois singt niemals Halleluja" oder "In diesen schweren Zeiten der Prahlerei und des Unglaubens wacht die Muttergottes". Wie die Bilderreihe einer großen Ikonostasis reiht sich der Fries dieser dunklen Blätter. Und es ist das ganze Leid der ganzen Welt, das uns Blatt um Blatt entgegenkommt – die große Klage! – und ab und zu der Schimmer einer möglichen Erlösung – das ist die große Hoffnung.

Jacques Maritain hat einmal von Léon Bloy gesagt, er sei "der Hiob auf dem Dunghaufen der modernen Zivilisation". Genau das ist auch Georges Rouault – Hiob auf dem Dunghaufen der modernen Zivilisation! Wie er seine Kunst empfindet, sagt Rouault selbst: – "Ein Schrei in der Nacht. Ein ersticktes Schluchzen. Ein Lachen, das sich selbst erwürgt!" Diese Angst an Gott und die wie aus alttestamentarischen Räumen schauende deutliche Sicht auf die Gnadenlosigkeit der gefallenen Welt und die unmenschliche Ferne Gottes hat etwas von der bitteren Strenge der protestantischen Weltsicht. "Aber Rouault ist glühender Katholik. Und doch ist so etwas Eiferndes, Ernstes und Unerbittliches in diesen Blättern, was abseits des sicheren Geborgenheitsgefihls und der Gnadenfroheit des katholischen Menschen, zu liegen scheint. Das Geheimnis der schmerzlichen Weltsicht des Künstlers löst sich nur mit der Annahme einer untergründig wirkenden Gefühlsspaltung.

Ursprünglich waren diese Blätter, die 1922/23 und 1926/27 entstanden sind, als Illustrationen für das Werk "Miserere et Guerre von André Suarés gedacht, das der Kunsthändler Ambroise Vollard verlegen wollte und das nie erschien. Sie sind von einer ganz unerklärlichen Kostbarkeit in den graphischen Mitteln. Tatsächlich ist die Technik sehr merkwürdig. Rouault entwarf die Folge als Tuschzeichnungen und Temperabilder und ließ diese Bilder dann, genau wie Heliogravüren, fotomechanisch auf die Kupferplatte übertragen und ätzen. Dann aber ging er mit allen möglichen Techniken – mit Aquatinta, Kaltnadel, Roulette und direkter Ätzung – an diese Platten heran und führte sie zu der Vollendung, die seiner graphischen Vision entsprach. Aus dieser Technik sui generis entstand ein Spiel graphischer Figurationen, das von höchstem ästhetischen Reiz ist. – Aber dies Unorthodoxe der Technik steht ganz im Dienste der Verbildlichung des Inhalts. Die schwarzen – Züge des direkt mit dem Pinsel geätzten dicken Strichwerks verfestigen und bezeichnen die Figuren wie die Verbleiungen gotischer Glasfenster, und das intensive graphische Leben in den tonigen Partien gibt dem Schwarz und Gran der Blätter die Kraft einer dunkelglühenden Farbe. So haben auch diese Schwarz-Weiß-Blätter etwas von der Leuchtkraft der Fenster in den Kathedralen, weisen also auch formal in jenen Raum des Heiligen, nach dem sich die ganze Geistigkeit Rouaults sehnt.

Aber gerade auch der Reichtum der graphischen Textur gibt den Blättern eine seltsam dunkle, fast morbide Pracht, die unmittelbar an späteste Gemälde Rembrandts denken läßt. Da liegt auch die Quelle der Kunst Rouaults: – Rembrandt und Daumier. Sein Lehrer Gustave Moreau hat ihm da manchen Weg gewiesen. Vor allem wohl hat er in ihm jene Sensibilität für düsteren Prunk und sündigen Glanz erweckt, für die dunkle Pracht der Blumen des Bösen – Fleurs du Mal –, die er mit so entsetzten Augen anstarrt. Das Reiche, Morbide, Wuchernd-Blühende der Sünde – das Elend und der Aussatz der Sünde! In dieser Weise müssen wir den Satz verstehen, den Rouault über sich selbst sagte: – "Ich bin der Efeu des ewigen Elends, der sich an die aussätzige Mauer klammert, hinter der die aufrührerische Menschheit ihre Laster und ihre Tugenden verbirgt."