in vierseitiges Blättchen im Berliner Formatsdas ist das SED-Blatt „Thüringer Volk“. Schade, daß man derlei Blätter in den Westzonen kaum zu Gesicht bekommt. Zum Beispiel könnten die westlichen KP-Genossen da manches erfahren, was in ihren kommunistischen Zeitungen nicht zu finden ist. Natürlich ist das „Thüringer Volk“ auf den beiden ersten Seiten äußerst positiv. Dagegen läßt es weiter hinten durchblicken, daß die Werktätigen der Ostzone von ihrer vielgerühmten Begeisterung für die „junge Partei des sozialistischen Aufbaus“ offenbar nur einen sehr zurückhaltenden Gebrauch machen. Das geht besonders aus einer täglichen Rubrik hervor, die den Titel führt: „Klare Linie beziehen! – Gegen opportunistischeund nationalistische Abweichungen.“ Unter dieser Rubrik werden die Genossen erzogen. Das geht beispielsweise so vor sich:

„... Auch in der Wohnbezirksgruppe 8 in Sondershausen sollte im Gasthaus ‚Zur Sonne‘ eine Versammlung abgehalten werden... Aber scheinbar sind die Genossen dort schon aufgeklärt‘ genug. Als der Referent pünktlich um 8 Uhr den Versammlungsraum betrat, in der Meinung, daß wenigstens ein Teil der Genossen anwesend sein werde, mußte er feststellen, daß er allem auf weiter Flur stand... Ähnlich, war es in Berka. 23 Genossen nahmen teil, trotzdem mußte lange verhandelt werden, bis sich endlich zwei ‚bereit erklärten‘, zur Kreisdelegiertenkonferenz nach Greussen zu gehen... Ein einziger Genosse verstand es, positiv zu diskutieren, und stellte fest, daß... einige Genossen eine Schrebergartenpolitik betreiben. Ihr Schrebergarten ist ihnen wichtiger als die Parteiarbeit. Sie wollen aber nicht einsehen, daß sie gerade dadurch dem Opportunismus verfallen... Auch in bezug auf das Verhältnis zur Sowjetunion herrscht bei der Betriebsgruppe noch nicht vollkommene Klarheit ... Ein anderes Beispiel für den Opportunismus in der Diskussion: Als die Frage der Einheit Deutschlands angeschnitten wurde, waren die Genossen der Ansicht, daß es wohl notwendig sei, die Einheit zu verwirklichen, daß wir dann aber ja auch die Schulden des Westens, die durch den Marshall-Plan entstanden sind, mit tragen müßten...“

Der SEP-Journalist, der offenbar die Ironie des Einwandes nicht begriff, setzte salbungsvoll hinzu:

„Die vordringlichste Arbeit aller fortschrittlichen Kräfte muß es aber sein, ohne Wenn und Aber zur Einheit Deutschlands Stellung zu nehmen ... Als unser Landrat die Fuhrunternehmer aufforderte, kostenlos die freiwilligen Hilfskräfte nach dem Schwerpunkt Ichstedt zu fahren, sind sie alle dem Auftrag gefolgt und haben damit ihren Beitrag zum Wiederaufbau geleistet. Nur zwei Genossen aus Jecha, die Fuhrunternehmer Wenzel und Schmidt, schlossen sich aus. Was hat die Ortsgruppe Jecha getan, um hier das Ansehen unserer Partei zu wahren, und diese Genossen über die Wichtigkeit des Aufbauplanes 109 aufzuklären?“

Die Aufklärung der Ortsgruppe nach der öffentlichen Denunziation kann man sich vorstellen. Im ganzen ist es ein trübseliger Blick in eine trübselige Atmosphäre, den eine solche Ostzonenzeitung vermittelt. Die Anzeige der staatlichen „Handelsorganisation“, in der das Pfund Zucker bis vor einiger Zeit mit 12 Mark, seither mit 7,50 Mark angepriesen wird, während in derselben Zeitung eine Meldung über die unerschwinglichen Preise in Westdeutschland zu finden ist, mag die Melancholie dieser Lektüre vollkommen machen. H. A.