H. J., Rio de Janeiro, im August

Eine der bedeutsamsten Tatsachen im heutigen Wirtschaftsleben Brasiliens ist die beträchtliche Zunahme seiner industriellen Produktion, Sie mag unverständlich sein angesichts der günstig gen Produktionsbedingungen, die das Land für eine große Zahl von land- und Forstwirtschaftlichen Kulturen bietet. Aber sie ist eine Tatsache, von manchen mißbilligt, von anderen skeptisch betrachtet, vom größten Teil der öffentlichen Meinung jedoch lebhaft befürwortet. Weite Kreise betrachten die Industrie als einen an sich gehobeneren und ergiebigeren Produktionszweig als die Land- und Forstwirtschaft, so daß der Übergang ohne weiteres als Fortschritt abgesehen wird. Dazu kommt, daß die Agrarwirtschaft des Landes fast bis heute ihren kolonialen Charakter nicht hat abstreifen können. Fast 100 Jahre hindurch bildeten acht Erzeugnisse 90 v. H. und mehr der brasilianischen Gesamtausfuhr: Kaffee, Zucker, Kakao, Mate, Tabak, Gummi, Häute und Fette. Dieser Konzentration auf wenige Waren der Ausfuhrliste entsprach in der Land- und Forstwirtschaft ein hoher Grad von Monokultur. Viele Kaffee-, Zucker- und Baumwollgegenden pflanzten nicht einmal die für den eigenen Bedarf notwendigen Agrarprodukte, sondem bezogen sie aus anderen Landesteilen. Wenn die Ausfuhr nun auch in guten Jahren – erhebliche Kapitalien ins Land brachte, in Krisenzeiten waren die Rückschläge doppelt schwerwiegend.

Weitsehende Staatsmänner befürworteten daher seit langem als Gegenmaßnahmen die Agrarreform und die Industrialisierung. Erstere ist erneut in der Verfassung von 1946 vorgesehen. Die zweite blieb lange Zeit ein Traum. 1907 gab es im gesamten Land 3250 Unternehmen einschließlich Klein- und Kleinstbetriebe. Der erste Weltkrieg brachte dann eine Blütezeit von Fabrikgründungen, deren Ergebnisse sich deutlich widerspiegeln in den Resultaten des ersten offiziellen Industriezensus von 1920. Damals wurden 13 559 Gewerbebetriebe mit insgesamt 293 673 Arbeitern gezählt. Oft ohne nennenswertes Kapital ins Leben gerufen, konnten sich viele nicht mehr halten, als Europa wieder lieferfähig war. Es fehlten technische Kenntnisse und Erfahrungen. – Unter denen aber, die nach Brasilien aus Europa zwischen 1920 und 1930 auswanderten, befanden sich viele Spezialisten, Handwerker und gelernte Arbeiter. Alle, die suchten, fanden spielend ein Unterkommen in der junger brasilianischen Industrie. Der Einwanderungsstrom hat die nationale Industrie stark befruchtet. Außer technischer Intelligenz kam auch einiges Kapital, dessen Besitzer die politischen Unruhen und sozialen Umstürze in Europa flohen und sich von Brasilien ruhigere und gewinnbringendere Anlagemöglichkeiten versprachen. Die Ergebnisse der Industriezählung von 1940 zeigen deutlich den Aufschwung. Den 13 569 Betrieben von 1920 standen im Jahre 1940 49 418 gegenüber, und die Arbeiterzahl war von 294 000 auf 781 000 gestiegen.Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Industrialisierung während des zweiten Weltkrieges wiederum beträchtlich an Tempo gewonnen hat. Der Stab von Ingenieuren und technisch geschultem Personal war jetzt bedeutend größer als vor zwanzig Jahren; Und man hatte Erfahrungen gesammelt. Außerdem zog sich der Krieg so lange hin, daß sich der brasilianischen Industrie ausländische Absatzmärkte, die ohne Lieferanten geblieben waren, förmlich anboten, So kam es zu nicht unbeträchtlichen Ausfuhren, Die Regierung bewies zudem der Industrialisierung ein geradezu liebevolles Interesse. Auf verschiedenen Gebieten, wo das Privatkapital nicht ausreichte, sprang der Staat ein; namentlich in der Schwerindustrie.

Die junge brasilianische Industrie ist, als ein Ganzes betrachtet, aber ein wenig organisches Gebilde. Sehr stark überwiegt die Verbrauchsgüterherstellung. Das Fundament der Produktionsgüterindustrie ist schmal (Ausnahmen machen die Holz- und Zementindustrie). Daran ändert auch das neue Stahlwerk Volta Redonda nichts. Am bedenklichsten erscheint das relativ schwache Vertretensein des Maschinenbaus, der doch ein Kernstück aller modernen Industrieorganisation darstellt. Besondere Probleme bilden auch die Kohlen- und Elektrizitätswirtschaft. Kohle ist nur im Süden in ausreichenden Mengen vorhanden, aber ihr Heizwert ist geringe Die Wasserkräfte erlauben technisch eine viel reichere Ausbeute, ebenso die Petroleumlager. Aber es fehlt vorläufig das nötige Kapital. Große Reserven besitzt das Land an hochwertigen Eisen- und Manganerzen. Ihr Abbau ist indessen, erschwert, weil die Vorkommen bisher verkehrsmäßig nicht genügend erschlossen sind.

Die Umstände der letzten Jahre haben eine Reihe von Fabriken entstehen lassen, die unter normalen Verhältnissen wohl nicht gegründet worden wären. Sie stehen nun vor einer schweren Belastungsprobe. Die ausländische Konkurrenz ist wieder am Markt. Dem Rückgang der versicherten Industriearbeiter in den allerletzten Jahren kommt sicherlich eine symptomatische Bedeutung zu, ebenso dem radikalen Absinken der Fertigwarenausfuhr. Nicht nur die mehr oder weniger improvisierten Fabriken sehen der Situation mit ernstem Unbehagen zu, sondern die gesamte Industrie. Ihre Spitzenverbände erklärten schon 1945 ziemlich unverhüllt, daß die nationale Industrie einen Zollschutz brauche.

In der allgemeinen Begeisterung über die erreichte Industrialisierung blieb die Agrarfrage fast vergessen. Brasiliens Industrie hat nicht wie andere Länder eine übermäßige Bevölkerungsdichte zur geschichtlichen Voraussetzung; im Gegenteil! Die Besiedlung weiter Landesteile ist außerordentlich dünn. Hinzu kommt die fehlerhafte, vorwiegend auf Ausfuhr eingestellte Agrarproduktion. Der Aufschwung der Industrie hat große Menschenmassen vom Lande in die Stadt gezogen, ihre Ernährungslage verschlechtert und die landwirtschaftliche Erzeugung fühlbar gesenkt. Wenn es der brasilianischen Industrie gelingt, sich jetzt zu behaupten, wird sich bald eine energische Intensivierung der Bodenbearbeitung als notwendig erweisen.